Verdrängte Verbrechen: 80 Jahre Zweiter Weltkrieg | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Verdrängte Verbrechen: 80 Jahre Zweiter Weltkrieg

Public Domain Foto: Public Domain

von Markus Meckel

Am 1. September jährt sich der Beginn des Zweiten Weltkriegs, der deutsche Überfall auf Polen, zum 80. Mal. Doch obwohl fast jede Familie davon betroffen war und Opfer zu beklagen hatte, ist in Deutschland das öffentliche Erinnern an den Zweiten Weltkrieg heute erstaunlich wenig präsent. Fast kann man den Eindruck gewinnen, dass nach der Rede Richard von Weizsäckers vor dem Deutschen Bundestag 1985, in der er das Ende des Krieges als Befreiung beschrieb, alles gesagt schien und das Thema nicht weiter der Behandlung bedurfte.

Mehr als an jedem anderen Beispiel zeigt sich im Fall des Zweiten Weltkriegs, wie sehr wir in Deutschland bis heute eine Erinnerungskultur haben, die noch stark gespalten und wenig integrativ ist. Fest etabliert ist dagegen das Gedenken an den Nationalsozialismus und seine unendlichen Verbrechen. Dieses wird von einem vielgestaltigen Institutionengeflecht getragen, wobei sich alle Ebenen des politischen Lebens, vom Bund über die Länder bis zu den Gemeinden, aktiv beteiligen und die Öffentlichkeit regen Anteil nimmt.

In der Darstellung des Nationalsozialismus stehen heute einerseits der Charakter des Regimes als totalitäre Diktatur mit einer nationalistischen und rassistischen Ideologie im Vordergrund und andererseits die damit begründeten unermesslichen Verbrechen, allen voran die Schoah. Die Erinnerung an die Schoah als einer zentralen Dimension des Nationalsozialismus und die damit verbundene deutsche Verantwortung sind sogar – auch in internationaler Perspektive – zu einer Staatsräson geworden.

Der Zweite Weltkrieg selbst, als militärische Auseinandersetzung mit weiteren Millionen Opfern, bleibt dagegen erstaunlich im Hintergrund. Die letzten großen Debatten zu diesem Thema fanden vor 20 Jahren im Zusammenhang mit der Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung statt. Hier ging es gerade um die mörderischen Verbrechen im Krieg, an denen eben auch die Wehrmacht beteiligt war. Dabei gibt es auch hier noch viele Felder, die nun neu wahrgenommen werden und zu neuen Aktivitäten führen.

Die offene Entschädigungsfrage

Offen etwa ist bis heute die Frage, ob es nicht doch noch für die zivilen Opfer von Massakern in Griechenland und Italien Entschädigungen geben sollte. Wichtig ist auch die vom damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck 2015 hervorgehobene Tatsache, dass die mehr als drei Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen, die in deutscher „Obhut“ umgekommen sind, im öffentlichen Bewusstsein bei uns kaum einen Ort gefunden haben. Dass dies auch in den betroffenen Nachfolgestaaten der Sowjetunion noch weitgehend der Fall ist, da Stalin überlebende Kriegsgefangene als Verräter angesehen hat, die nicht – wie verlangt – bis zum letzten Blutstropfen gekämpft, sondern „mit dem Feind kollaboriert“ hätten, macht deren Schicksal bis heute besonders tragisch.

Seit einiger Zeit gibt es immer wieder die Aufforderung von Historikern und gesellschaftlichen Gruppen, dass wir den rassistischen Vernichtungskrieg im Osten viel stärker in den Blick nehmen müssen. Eine Initiative plädiert für die Errichtung eines polnischen Denkmals, das an deren Opfer in Krieg und Besatzung erinnert. Andere, wie ich selbst, warnen davor, die Opfer des NS nach Nationen getrennt zu erinnern. Wer damit anfängt, müsste dann auch Denkmäler für die Millionen Opfer anderer Nationen errichten – für Ukrainer, Belarussen, Russen und viele andere.

Stattdessen schlug ich selbst kürzlich mit anderen vor, in Berlin ein Dokumentationszentrum für diesen Vernichtungskrieg zu errichten – und differenziert und umfassend darüber zu unterrichten.[1] Denn in der deutschen Öffentlichkeit ist wenig davon bekannt, etwa dass fast ein Drittel der belarussischen Bevölkerung im Krieg umgekommen ist. Oradour in Frankreich ist ein Begriff – dass es solche Vergeltungsaktionen und Massenmorde im Osten viele hundert Male gegeben hat, weiß man meist nicht.

Der verdrängte Vernichtungskrieg

Insgesamt ist in Deutschland das Gedenken an die beiden Weltkriege, zumal im Vergleich zu den Nachbarländern, relativ wenig präsent. Gewiss, erinnert wird, insbesondere bei runden Jahrestagen, in Gedenkgottesdiensten oder öffentlichen Gedenkfeiern an den Beginn des Zweiten Weltkrieges, den Überfall auf Polen und das Kriegsende 1945. Das Kriegsgeschehen selbst bleibt insgesamt merkwürdig blass.

Meines Erachtens besteht heute die zentrale Herausforderung darin, die verschiedenen Dimensionen der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts – die Weltkriege, die beiden totalitären Diktaturen Nationalsozialismus und Kommunismus sowie die vielfältigen rassistisch und politisch begründeten Vertreibungen und Repressionen – viel stärker als bisher geschehen in ihren inneren Zusammenhängen ins öffentliche Bewusstsein zu bringen. Biografien und einzelne historische Darstellungen machen diese Zusammenhänge sehr deutlich. Doch in unserer Erinnerungskultur stehen sie häufig nebeneinander, ja nicht selten in Konkurrenz zueinander. Dabei sind oft die gleichen Menschen betroffen, und im konkreten Geschehen lassen sich die Opfer auch nicht so leicht der einen oder anderen Kategorie zuordnen.

Europäische Gemeinsamkeiten

Die Herausforderung einer solchen, stärker integrierten Sichtweise ist groß, muss sie doch zuerst in den eigenen Köpfen Raum greifen. Dies wird aber, davon bin ich überzeugt, dann auch dazu beitragen, die deutschen Erfahrungen in einen Dialog mit den anderen Erinnerungskulturen in Europa eintreten zu lassen und nach Gemeinsamkeiten zu suchen.

Erfreulich ist, dass es 2015, zum 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges, jedenfalls in Deutschland relativ gut gelungen ist, der sehr verschiedenen Opfer des Krieges und der Diktaturen zu gedenken, ohne sie dabei gegeneinander auszuspielen oder aufzurechnen.

Das gibt Hoffnung, dass dies auch anderswo gelingen kann – auch was den Beginn des Krieges und seine unterschiedlichen Opfer anbelangt. Doch klar ist auch, dass diese Bemühungen viel Engagement und Zeit brauchen werden – genau wie es schon früher in der Bundesrepublik der Fall war.


[1] Vgl. die von Markus Meckel, Peter Jahn und Martin Aust formulierten „Eckpunkte für die Erinnerung an die Opfer des deutschen Vernichtungskriegs 1939 – 1945. Information – Dialog – Gedenken“, Berlin, 2.4.2019, www.markusmeckel.eu.

(aus: »Blätter« 9/2019, Seite 45-46)
Themen: Geschichte, Europa und Nationalsozialismus

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