Resignation oder Widerstand | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Resignation oder Widerstand

Wie wir durch unser Verhalten das Klima retten können

Enrique Meseguer / pixabay.com Foto: Enrique Meseguer / pixabay.com

von Jonathan Safran Foer

Am Morgen des 14. April 2018 betrat der Bürgerrechtsanwalt David Buckel einen Teil des Prospect Park in Brooklyn, in dem ich selbst Tausende Male war. Als ich in der Gegend wohnte, ging ich dort oft mit dem Hund spazieren, spielte mit meinen Kindern oder sammelte meine Gedanken. Um 5.55 Uhr morgens schickte er eine E-Mail an mehrere Nachrichtensender, in der er die Entscheidung begründete, die er kurz darauf treffen würde. Dann übergoss er sich mit Benzin und zündete sich an.

Seinem Mann und seinen Freunden zufolge war er nicht depressiv. Und er war gedanklich auch klar genug, um neben der E-Mail mindestens drei verschiedene Abschiedsbriefe zu hinterlassen, in denen er seine Tat erklärte. Der kürzeste davon war handgeschrieben: „Ich heiße David Buckel und habe mich aus Protest gerade selbst verbrannt.“

Ein zweiter Brief befand sich in einem Umschlag, der in eine Mülltüte eingewickelt in einem Einkaufswagen in der Nähe gefunden wurde. Darin stand: „Umweltverschmutzung verwüstet unseren Planeten und macht Luft, Boden, Wasser und Wetter immer lebensfeindlicher. Unsere Gegenwart wird immer verzweifelter, und für unsere Zukunft ist mehr nötig, als wir bisher getan haben.“

Buckel war Bürgerrechtsanwalt und hatte allen Grund zu glauben, dass Fortschritt mehr als nur eine Phantasie ist. Er war ein landesweit anerkannter Pionier für Schwulen- und Transgender-Rechte. Dass die Ehe zwischen Gleichgeschlechtlichen zu Buckels Lebzeiten legalisiert wurde, war nicht zuletzt seinem Einsatz zu verdanken. In einer Atmosphäre von Apathie und Resignation wirkte er hoffnungsvoll und motiviert. Jene, die seinen Selbstmord als schwarzseherischen Akt bezeichnet haben, lassen außer Acht, dass sein Tod explizit ein Protest war. Und es gibt keine Tat, die mehr auf der Überzeugung fußt, dass Dinge anders sein könnten, als der Protest. „Ehrbares Wirken zu Lebzeiten legt ehrbares Wirken im Tod nahe“, schreibt Buckel in seinem Abschiedsbrief.

Drei Monate später veröffentlichte die „New York Times“ einen Essay, „Raising my child in a doomed world“. Ein halbes Dutzend Freunde schickten ihn mir. Beim ersten Lesen fand ich ihn treffend. Geschrieben hatte ihn Roy Scranton, derselbe Autor, der auch schon zuvor „Learning how to die in the Anthropocene“ geschrieben hatte. Scranton beschreibt die intensive Gefühlsmischung bei der Geburt seines ersten Kindes: „Als meine Tochter geboren wurde, habe ich zweimal geweint.“ Zuerst kamen Freudentränen, dann Tränen der Trauer: „Meine Partnerin und ich hatten unsere Tochter in unserem Egoismus zu einem Leben auf einem dystopischen Planeten verdammt, und ich sah keine Möglichkeit, sie vor der Zukunft zu beschützen.“

Ich war dankbar, dass sich noch jemand in die Diskussion über die Krise des Planeten einmischte. Scranton ist nicht nur ein reflektierter, sondern auch ein leidenschaftlicher, gebildeter und verdammt guter Schriftsteller. Er fasste etwas in Worte, das ich als Vater oft empfunden hatte. Und es war kein Zufall, dass mir so viele Menschen seinen Essay weiterleiteten, allesamt selbst Eltern. In diesem Essay (und anderen) wendet sich Scranton der Umweltkrise mit einer philosophischen Präzision zu, die der gegenwärtigen Debatte fehlt – eine Denkweise, die wir dringend brauchen, um unsere Krise verstehen zu können. Wie David Wallace Wells in seinem Artikel „Die unbewohnbare Erde“ bemerkt: „Wir haben kaum eine sinnstiftende Religion rund um den Klimawandel entwickelt, die uns angesichts unserer möglichen Auslöschung Trost spenden oder Entschlossenheit verleihen könnte.“ Scranton beginnt, eine solche Religion zu entwickeln, aber das Problem ist, dass sie uns angesichts der Auslöschung keine Entschlossenheit verleiht – sie gibt auf. Als ich den Essay noch einmal las, war ich frustriert, ja sogar wütend. Je öfter ich ihn las, desto mehr kam er mir wie eine Art Abschiedsbrief vor.

Im Zusammenhang mit der „moralischen Haltung dazu, in einer CO2-basierten Konsumgesellschaft zu leben“, bemerkt Scranton, dass sich viele Menschen für einen verantwortungsvolleren Lebensstil aussprechen. „Nehmen Sie zum Beispiel das viel zitierte Forschungspapier des Geographen Seth Wynes und des Umweltforschers Kimberly Nicholas, in dem sie argumentieren, das Wichtigste, was der Einzelne tun könne, um seinen CO2-Ausstoß zu verringern, sei sich pflanzlich ernähren, Flugreisen vermeiden, autofrei leben und ein Kind weniger bekommen.“ Er bezieht sich dabei auf den Aufsatz „The Climate Mitigation Gap: Education and Government Recommendations Miss the Most Effective Individual Actions“, in dem dargelegt wird, dass das meiste, was zur Begrenzung des Klimawandels gelehrt und empfohlen wird, vergleichsweise unbedeutend ist. Das eigentlich Problematische an diesem Vorschlag, so Scranton weiter, seien nicht die Empfehlungen, sparsam zu sein, weniger zu fliegen oder sich vegetarisch zu ernähren, was alles gut und schön sei, sondern vielmehr das Gesellschaftsmodell, auf dem solche Empfehlungen beruhen: „die Vorstellung, wir könnten die Welt durch individuelle Verbraucherentscheidungen retten. Das können wir nicht.“ Warum nicht? Weil die Welt eine „komplexe und rekursive Dynamik“ mit „internen und externen Antriebskräften“ sei.

Ich bin mir nicht hundertprozentig sicher, was das bedeutet, aber egal wie komplex die Welt auch sein mag, es sind doch die Menschen, die recyceln, protestieren, wählen gehen, Müll aufsammeln, bei ethischen Unternehmen kaufen, Blut spenden, eingreifen, wenn jemand in Gefahr ist, sich gegen rassistische Bemerkungen wehren und den Weg für den Krankenwagen frei machen. Diese Taten dienen nicht nur dem individuellen Wohl desjenigen, der sie ausführt, sondern sind wichtig für das gesellschaftliche Wohlergehen: Verhalten wird wahrgenommen und nachgeahmt.

Millionen einzelner Entscheidungen verändern die Welt

In ihrem Buch „Die Macht sozialer Netzwerke“ bezeichnen Nicholas A. Christakis und James Fowler soziale Netzwerke als „eine Art menschlichen Überorganismus“. Was sie herausfanden, war: „Wenn ein Freund eines Freundes Ihres Freundes zunimmt, dann nehmen Sie zu. Wenn ein Freund eines Freundes Ihres Freundes mit dem Rauchen aufhört, dann hören Sie mit dem Rauchen auf. Und wenn ein Freund eines Freundes Ihres Freundes glücklich ist, dann sind Sie glücklich.“ Obwohl wir Übergewicht häufig als „Epidemie“ bezeichnen, halten wir es kaum für ansteckend. Christakis und Fowler zeigen allerdings, dass Fettleibigkeit – und dasselbe gilt für Rauchen und Nichtrauchen, sexuelles Fehlverhalten und dessen Ablehnung – genau wie Fitness ein Trend ist: „Mit Hilfe von mathematischen Modellen gelang es uns jedoch zu beweisen, dass diese Häufungen von normal- und übergewichtigen Personen kein Zufallsprodukt, sondern tatsächlich statistisch relevant sind. Nicht nur das, die Konzentration gehorchte außerdem unserem Gesetz der drei Schritte: Die Wahrscheinlichkeit, dass krankhaft übergewichtige Menschen Freunde, Freunde von Freunden und Freunde von Freunden von Freunden hatten, die ebenfalls unter Übergewicht litten, war so groß, dass es sich nicht um einen Zufall handeln konnte. Ganz ähnlich hatten normalgewichtige Personen in einem Radius von drei Schritten mit größerer Wahrscheinlichkeit normalgewichtige Personen in ihrem persönlichen Umfeld. Nach drei Schritten endete diese Konzentration.“

Es scheint also, als würden Menschen innerhalb des Netzwerks Nischen besetzen, in denen Über- und Normalgewicht eine Art regionale Norm darstellen. Wenn es um die Gesundheit geht, legt diese Studie nahe, dass individuelles Verhalten deutlich einflussreicher ist als offizielle Ernährungsempfehlungen, an die sich die meisten Amerikaner nicht halten. Während Strukturen zwar eine wichtige Rolle spielen – Nahrungswüsten, Subventionen oder ungesundes Kantinenessen –, sind die ansteckendsten Normen die, die wir selbst leben.

Wir sind nicht machtlos innerhalb unserer „komplexen, rekursiven Dynamik“ mit „internen und externen Antriebskräften“ – wir sind die Antriebskräfte. Ja, es gibt mächtige Systeme – den Kapitalismus, die industrielle Tierhaltung oder die Erdölindustrie –, die schwer zu beeinflussen sind. Ein einzelner Autofahrer kann keinen Stau verursachen. Aber ohne einzelne Autofahrer gibt es keinen Stau. Wir stecken im Verkehr fest, weil wir der Verkehr sind. Die Art und Weise, wie wir leben, was wir tun und was wir nicht tun, kann im System begründete Probleme verstärken, sie aber auch verändern: Gerichtliche Klagen von Einzelnen veränderten die Boy Scouts, die Aussagen Einzelner brachten die #MeToo-Bewegung ins Rollen, und Einzelne, die am Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit teilnahmen, ebneten den Weg für den Civil Rights Act von 1964 und den 1965 folgenden Voting Rights Act. Genau wie Rosa Parks dabei half, die Rassentrennung in öffentlichen Verkehrsmitteln zu beenden, und Elvis dabei half, die Kinderlähmung zu besiegen.

Scranton schreibt weiter: „[W]ir können ebenso wenig frei wählen, wie wir leben wollen, wie wir uns über die Regeln der Physik hinwegsetzen können. Wir wählen aus möglichen Optionen, nicht ex nihilo.“

Ja, unsere Handlungen unterliegen gewissen Beschränkungen, es gibt Konventionen und strukturelle Ungerechtigkeiten, die die Parameter des Möglichen festlegen. Unser freier Wille ist nicht omnipotent – wir können nicht tun, was wir wollen. Aber, wie Scranton sagt, wir können zwischen verschiedenen Optionen wählen.

Und eine unserer Optionen ist es, bei unseren Entscheidungen die Umwelt zu berücksichtigen. Man braucht sich nicht über die Regeln der Physik hinwegzusetzen – noch nicht einmal einen grünen Präsidenten zu wählen –, um von dem, was auf der Karte steht, etwas Veganes auszuwählen oder im Supermarkt pflanzliche Lebensmittel zu kaufen. Und während es ein neoliberaler Mythos sein mag, dass die Entscheidungen Einzelner grenzenlose Macht haben, ist es ein schwarzseherischer Mythos, dass sie überhaupt keinen Einfluss haben. Handeln kann sowohl auf Makro- als auch auf Mikroebene etwas bewirken, und wenn es darum geht, die Zerstörung unseres Planeten zu bremsen, ist es unmoralisch, eins von beiden abzutun oder zu sagen, man brauche es im Kleinen gar nicht zu versuchen, weil es im Großen nicht zu schaffen sei.

Ja, wir brauchen einen strukturellen Wandel – wir müssen weltweit weg von fossilen Brennstoffen und hin zu erneuerbarer Energie. Wir müssen eine Art CO2-Steuer durchsetzen, uns für eine Kennzeichnungspflicht der Umweltverträglichkeit von Produkten starkmachen, Plastik durch nachhaltige Lösungen ersetzen und fußgängerfreundliche Städte bauen. Wir brauchen Strukturen, die uns in Richtung der Entscheidungen stupsen, die wir schon jetzt treffen wollen. Wir brauchen einen ethischen Umgang des Westens mit dem globalen Süden. Wir brauchen vielleicht sogar eine politische Revolution. Für diese Veränderungen sind Umbrüche nötig, die ein Einzelner allein nicht auf den Weg bringen kann. Doch einmal abgesehen davon, dass große Revolutionen sich aus Einzelnen zusammensetzen, von Einzelnen angeführt und durch Tausende individueller Revolutionen verstärkt werden, haben wir keine Chance, unser Ziel einer Begrenzung der Umweltzerstörung zu erreichen, wenn Einzelne nicht sehr individuell für sich entscheiden, sich anders zu ernähren. Es stimmt natürlich, dass ein Einzelner, der sich ab sofort vegan ernährt, die Welt nicht verändern wird, aber genauso wahr ist, dass Millionen solcher Entscheidungen in Summe sie verändern werden.

In Bezug auf den veränderten Lebensstil, den Wynes und Nicholas vorschlagen, schreibt Scranton: „Sich [ihre] Empfehlungen zu Herzen zu nehmen, würde bedeuten, sich vom modernen Leben abzuschneiden. Es würde bedeuten, eine abgeschiedene, isolierte Existenz zu führen und jede tiefere Verbindung zur Zukunft aufzugeben. Wynes’ und Nicholas’ Argumente wirklich ernst zu nehmen, würde bedeuten, sich einzugestehen, dass die einzige wirklich moralische Reaktion auf den Klimawandel darin besteht, sich umzubringen. Es gibt einfach keine effektivere Weise, um den eigenen CO2-Fußabdruck zu verkleinern. Wenn man tot ist, verbraucht man keine Energie mehr, isst kein Fleisch mehr, verbrennt kein Benzin mehr und bekommt auch sicher keine Kinder mehr. Wer den Planeten wirklich retten will, sollte sterben.“

Das ist ein extremer Sprung. Stellen Sie sich vor, Sie nehmen vor dem Abendessen keine tierischen Produkte mehr zu sich und fliegen pro Jahr zweimal weniger. Einmal abgesehen davon, ob Ihnen das möglich wäre, klingt es nach einer „abgeschiedenen, isolierten Existenz“? Oder eher nach einer Anpassung an ein leicht gesunkenes Einkommen?

Verabschieden wir uns vom Hedonismus

Es stimmt schon: Wenn wir Entscheidungen zugunsten der Gesundheit unseres Planeten treffen, müssen wir uns von zügellosem Hedonismus verabschieden, aber ist das unsere Definition von „modernem Leben“? Wenn ja, sollte es eine Erleichterung sein, uns davon zu verabschieden. Nur, indem wir solche Entscheidungen treffen, solche Anpassungen vornehmen, sorgen wir für eine „tiefere Verbindung zur Zukunft“.

Es mag zwar stimmen, dass es nichts Effektiveres gibt, als zu sterben, um die eigene CO2-Bilanz zu reduzieren, aber es impliziert, dass die CO2-Bilanz jedes Einzelnen unabhängig wäre. Aber sofern Sie Ihre Nahrungsmittel nicht heimlich kaufen und im stillen Kämmerlein zu sich nehmen, essen Sie nicht allein. Unsere Essensauswahl ist gesellschaftlich ansteckend und hat immer einen Einfluss auf andere um uns herum – Supermärkte erfassen jeden verkauften Artikel, Restaurants passen ihre Karte der Nachfrage an, Catering-Services sehen sich an, was liegen bleibt, und wir bestellen „dasselbe wie sie“. Wir essen als Familien, Gemeinschaften, Generationen, Nationen und immer mehr auch als Welt. Individuelle Verbraucherentscheidungen können eine „komplexe, rekursive Dynamik“ in Gang bringen – kollektives Handeln, das produktiv ist, nicht lähmend. Ein Suizid kann andere zwar beeinflussen, nur ist es ein endgültiger Einfluss. Aber dass unsere Ernährungsweise auf andere abstrahlt und sie beeinflusst, dagegen könnten wir, selbst wenn wir wollten, gar nichts tun.

Noch wichtiger ist die Frage, was wir zu retten versuchen. „Wenn Sie den Planeten wirklich retten wollen, sollten Sie sterben“, schreibt Scranton. Aber es ist gar nicht der Planet, den wir retten wollen. Wir wollen das Leben auf dem Planeten retten – die Pflanzen, die Tiere und den Menschen. Zu akzeptieren, dass wir durch unsere Existenz zwangsläufig etwas zerstören, ist der erste Schritt, um diesen Einfluss zu minimieren: Wir müssen Ressourcen verbrauchen, um zu überleben. Das wäre in jeder politischen Utopie der Fall. Aber viele Spezies, darunter der Mensch, schaffen es, im Einklang mit der Natur zu leben, aber nicht, indem sie Selbstmord begehen. Sie schaffen es, indem sie weniger nehmen, als der Planet hervorbringen kann, und den Erhalt der Ökosysteme fördern. Sie schaffen es, indem sie leben, als hätten wir nur eine Erde, nicht vier. Indem sie den Planeten wie unser einziges Zuhause behandeln.

Scranton beschreibt dann David Buckels Selbstmord und kommt zu dem Schluss, dass „seine Selbstopferung die Logik der persönlichen Wahl auf die Spitze treibt“.

Ich billige weder Buckels Selbstmord noch den von jemand anderem. Aber man darf nicht vergessen, dass er sich nicht seiner CO2-Bilanz wegen umgebracht hat. Seine Selbstverbrennung in der Tradition buddhistischer Mönche, die sich aus Protest gegen den Vietnam-Krieg öffentlich anzündeten, war ausdrücklich so angelegt, dass sie gesehen werden sollte: sich ins öffentliche Gewissen einbrennen, ein Umdenken anstoßen sollte. Sie machte einen Akt der Selbstzerstörung zur Waffe, um uns daran zu erinnern, dass wir nicht selbst zerstören wollen.

Die entscheidende Frage: Haben wir das Nötige getan?

„Die eigentliche Wahl, vor der wir stehen, ist nicht die, was wir kaufen, ob wir fliegen oder Kinder bekommen, sondern ob wir uns zu einem moralischen Leben in einer kaputten Welt verpflichten wollen, einer Welt, in der die Menschheit für ihr Überleben auf eine Art ökologische Gnade angewiesen ist.“ Was aber bedeutet moralisch leben, wenn nicht, moralische Entscheidungen zu treffen? Unter anderem die, was man kauft, ob man fliegt oder wie viele Kinder man bekommt. Was ist ökologische Gnade, wenn nicht die Summe der täglichen, stündlichen Entscheidungen, weniger zu nehmen, als die Hände fassen können, etwas anderes zu essen als das, wonach es uns am meisten verlangt, und sich selbst Grenzen zu setzen, damit wir alle uns teilen können, was noch bleibt?

„Ich kann meine Tochter nicht vor der Zukunft bewahren“, so Scranton, „ich kann ihr noch nicht einmal ein besseres Leben versprechen. Nur beibringen kann ich ihr etwas: nicht gleichgültig zu sein, freundlich zu sein und die Grenzen der Gnade der Natur nicht zu überschreiten. Ich kann ihr beibringen, hart, widerstandsfähig, anpassungsfähig und besonnen zu sein, denn sie wird um das kämpfen müssen, was sie braucht. Aber ich muss ihr auch beibringen, für das zu kämpfen, was richtig ist, denn das hier geht uns alle an. Ich muss ihr beibringen, dass alles einmal stirbt, selbst sie und ich und ihre Mutter und die Welt, wie wir sie kennen, aber dass es der Beginn der Weisheit ist, sich mit dieser schwierigen Wahrheit zu arrangieren.“ Das aber ist nicht der Beginn der Weisheit. Es ist das Ende der Resignation.

Wen interessiert es, ob seine Tochter gleichgültig war oder nicht? Ihre Enkel wird es nicht interessieren. Am wichtigsten wird für sie nicht sein, ob sie freundlich war oder hart, widerstandsfähig, anpassungsfähig und besonnen. Ihre Enkel wird am meisten interessieren, ob sie das Nötige getan hat. Die Zukunft hängt nicht von unseren Gefühlen ab; in großem Maße hängt sie sogar davon ab, dass wir unsere Gefühle endlich einmal beiseitelassen.

Scranton hat recht damit, dass das hier uns alle angeht. Warum bringt er seiner Tochter nicht bei, anders zu essen und auch andere davon zu überzeugen, wodurch sie – alle – wir dazu beitragen können, den Planeten zu retten? Wie wäre es, wenn er ihr beibringen würde, darum zu kämpfen, was wir alle brauchen, statt darum, „was sie braucht“? Weniger Fleisch essen, weniger fliegen, weniger Auto fahren, weniger Kinder bekommen – das alles sind keine leichten Entscheidungen. Wenn sie es wären, hätten wir sie längst getroffen. Ich habe es immer noch nicht geschafft, Eier und Milchprodukte von meinem Speiseplan zu streichen. Wäre ich irgendein anderes Tier, würden meine Verpflichtungen da enden, wo mein Appetit beginnt. Aber ich bin ein Mensch, und genau da fangen meine Verpflichtungen an. Wenn wir beschließen, für das Richtige zu kämpfen, müssen wir uns von dem verabschieden, was falsch ist.

Ich habe Roy Scranton nie kennengelernt und auch seine Tochter nicht, aber ich habe ihnen gegenüber Verpflichtungen, genau wie sie Verpflichtungen gegenüber meiner Familie haben. Genau wie die Amerikaner Verpflichtungen gegenüber den Bangladeschern haben. Genau wie wohlhabende Vorstädter Verpflichtungen gegenüber jenen haben, die in städtischen Wärmeinseln und Nahrungswüsten leben. Genau wie die heute Lebenden Verpflichtungen gegenüber künftigen Generationen haben.

Ich stimme Scranton darin zu, dass wir die Umweltkrise erst dann richtig erfassen können – und sie uns wohl auch erst dann ernsthafte Sorgen bereitet –, wenn wir anerkennen, dass sie uns umbringen kann. Die Umweltkrise ist unser eigenes Werk, folglich müssen wir anerkennen, dass wir in der Lage sind, uns umzubringen. Wir müssen uns des uns umgebenden Todes bewusst sein, selbst wenn er noch nicht da ist, selbst wenn er leicht zu übersehen ist und selbst wenn unser Suizid zuerst andere das Leben kostet.

Resignation oder Widerstand – die zwei Reaktionen auf den Klimawandel

Vor ein paar Monaten hat ein Mann in seinem Wagen Selbstmord begangen, nur ein paar Blocks von meinem Büro an der New York University entfernt. Obwohl wir alles Mögliche teilen und in einem voyeuristischen Zeitalter leben und obwohl ich in einer Stadt wohne, in der zahllose Menschen unterwegs sind und an jeder Ecke Überwachungskameras hängen, blieb seine Leiche eine Woche lang unbemerkt. Ein Makler, der sein Büro in der Nähe hat, parkte sein Motorrad vor dem Wagen. Er konnte nicht glauben, dass eine Leiche darin war und wie lange schon. Verkehrspolizisten, die Strafzettel wegen Parkens auf der falschen Straßenseite verteilen, drücken oft ein Auge zu, solange jemand am Steuer sitzt. Vermutlich sahen mehrere Polizisten den toten Mann, glaubten aber, er würde noch leben. Ein Kind beklagte sich über den Gestank, als es an dem Wagen vorbeiging, und übergab sich auf den Gehweg. Seine Mutter bemerkte nichts. Jemand, der mit seinem Hund spazieren ging, bemerkte auf dem Fahrersitz eine Gestalt, nahm aber an, es sei ein schlafender Uber-Fahrer. Als er zwei Tage später immer noch da war, verständigte er die Polizei.

Es gibt nur zwei mögliche Reaktionen auf den Klimawandel: Resignation oder Widerstand. Wir können uns dem Tod ergeben oder wir können die Aussicht auf den Tod nutzen, um das Leben wertzuschätzen. Wir werden nie erfahren, wie sich der Autor des „Gesprächs eines Lebensmüden mit seiner Seele“ entschieden hat. Wir wissen noch nicht, wie wir uns entscheiden werden.

Es ist eine schreckliche Vorstellung, auf David Buckels verkohlte Leiche zu stoßen. Noch schrecklicher ist die Vorstellung, viele Male an einer Leiche vorbeizugehen, ohne sie zu bemerken. Aber eines ist noch schlimmer: nicht zu merken, dass wir am Leben sind.

Vier Tage nach David Buckels Selbstmord schrieb eine der Joggerinnen, die seine Leiche fanden, einen wunderschönen kurzen Essay über das Laufen im buchstäblichen und im metaphorischen Sinne. Eingeprägt hat sich mir jedoch ihre Beschreibung des Parks an jenem Morgen, der ersten Minuten, bevor sie auf die Leiche stieß. Sie war gerade von einer Reise zurückgekommen, und ihr Körper lechzte nach Bewegung. „Die Vögel sangen, die Sonne schien, und während ich die baumgesäumten Wege entlanglief, fühlte ich mich ganz durchtränkt von der Freude darüber, wieder zu Hause und am Leben zu sein.“

Wenn alles so läuft wie von der Natur vorgesehen, werden Buckels Tochter, Scrantons Tochter und meine Söhne eines Tages ohne ihre Eltern auf diesem Planeten leben. Ich hoffe, sie werden sich durchtränkt fühlen können von der Freude darüber, zu Hause und am Leben zu sein. Ich hoffe, ihre Eltern werden auf ihre Weise und nach bestem Wissen und Gewissen getan haben, was dafür nötig war. Ich hoffe, dass wir ihnen – nicht nur durch Worte, sondern durch unsere Entscheidungen – beigebracht haben werden, wo der Unterschied zwischen In-den-Tod-Laufen, Vor-dem-Tod-Weglaufen und Auf-das-Leben-Zulaufen liegt.

Der Artikel stammt aus „Wir sind das Klima! Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können“, dem neuen Buch des Autors, das am 12. September im Verlag Kiepenheuer & Witsch erscheint. Aus dem Englischen übersetzt von Stefanie Jacobs und Jan Schönherr.

(aus: »Blätter« 9/2019, Seite 49-56)
Themen: Ökologie, Ethik und Soziale Bewegungen

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