»Es verletzt unser Empfinden für Gerechtigkeit tief, wenn Täter nicht überführt werden können« | Blätter für deutsche und internationale Politik

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»Es verletzt unser Empfinden für Gerechtigkeit tief, wenn Täter nicht überführt werden können«

Rede von Bundespräsident Joachim Gauck im italienischen Sant'Anna di Stazzema zum Gedenken an das Massaker durch SS-Soldaten am 12. August 1944, 24.3.2013

Es ist für einen Deutschen kein leichter Gang, hierher, nach Sant’Anna di Stazzema zu kommen. Und für ein deutsches Staatsoberhaupt, als Repräsentant seines Landes und seiner Geschichte erst recht nicht. Es ist nicht leicht, und das soll es auch nicht sein, sich zu einer großen Schuld zu bekennen und mit einem schrecklichen Verbrechen konfrontiert zu werden, das von eigenen Landsleuten begangen worden ist.

Deswegen bin ich dankbar dafür, dass ich heute hier nicht allein vor Ihnen stehe, sondern dass Staatspräsident Napolitano mich begleitet. Sie, Herr Staatspräsident haben in der schlimmen Zeit des Krieges als Widerständler gegen Faschisten und Nazis gekämpft. Es geht mir zu Herzen, dass ich in Ihrer Begleitung, diesen gemeinsamen Besuch hier an dieser Erinnerungsstätte abstatten kann. Das ist ein besonders wichtiges Zeichen des heutigen Tages, ein unübersehbares Zeichen dafür, dass hier Versöhnung stattgefunden hat.

Versöhnung kann nie verlangt werden. Noch viel weniger erzwungen. Versöhnung kann nur erbeten und gewährt werden. Und auch wenn auf Täterseite glaubwürdig Reue gezeigt und Veränderung in Wort und Tat gelebt wird: Versöhnung ist letztlich ein Geschenk, das großzügig gegeben wird – und das man nur mit großer Dankbarkeit annehmen kann.

Versöhnung meint aber auch nie und auf keinen Fall: Vergessen. Das Verbrechen, das hier stattgefunden hat, darf niemand, der davon weiß, vergessen. Es schreit bis heute zum Himmel. Und die Opfer haben das Recht auf Erinnerung und Gedenken, Erinnerung an das barbarische Unrecht, das ihnen angetan worden ist, Gedenken an ihre Namen.

Sie sind nicht anonyme Opfer eines namenlosen Geschehens. Sie selber haben Namen und Gesichter, die wir bewahren wollen. Bewahren und Erinnern steht auch im Zentrum der Vorschläge, die die deutsch-italienische Historikerkommission für eine gemeinsame Herangehensweise an die Jahre 1943 – 1945 gemacht hat. Ich hoffe, dass damit die gemeinsame Aufarbeitung der Vergangenheit gefördert wird. Daher bin ich sehr froh, dass mich heute auch der Abgeordnete des Deutschen Bundestages, Herr Manfred Kolbe begleitet. Lassen Sie mich deshalb darauf hinweisen, dass sich Parlament und Regierung seit langem immer wieder mit der schuldbeladenen Vergangenheit der NS-Zeit und so auch mit dem Geschehen in Sant’Anna auseinandersetzen.

Aber auch die Täter sind nicht namenlos. Es waren konkrete Menschen, die hier getötet haben. Es verletzt unser Empfinden für Gerechtigkeit tief, wenn Täter nicht überführt werden können, wenn Täter nicht betraft werden können, weil die Instrumente des Rechtsstaates das nicht zulassen.

In derartigen Fällen ist es wichtig, zu wissen, dass Schuld nicht nur als strafrechtliche Schuld existiert. Nur für diese sind die Gerichte zuständig. Neben der moralischen und der religiösen Dimension von Schuld, gibt es die Schuld auch als negierte oder verweigerte Verantwortung im öffentlichen Raum. Und diese politische Schuld wird nun nicht von einem Gericht bearbeitet. Die öffentliche Benennung von Schuld und Schuldigen ist dann die erlaubte und notwendige Delegitimierung; das Urteil über gut und böse, Täter oder Opfer ist also auch möglich, wenn Gerichte nicht zu einem Schuldspruch gelangen können. Deshalb wollen und müssen einzelne Bürger, Wissenschaftler, Medien und Künstler daran mitwirken, den folgenden Generationen klar und deutlich zu sagen, was Recht und was Unrecht war.

Hier in Sant’Anna wurde Recht massiv verletzt und Menschenwürde mit Füßen getreten. Es ist darum ein Wunder, wenn Versöhnung stattgefunden hat, wenn aus diesem Ort des Schreckens ein Ort der Mahnung und der Erinnerung geworden ist, den Menschen von überall her besuchen. Das vorbildliche Wirken von Enrico Pieri, Enio Mancini, Maren und Horst Westermann und der Einsatz vieler anderer in Deutschland und Italien haben das Wunder geschaffen, dass dieser Ort auch ein Ort der Hoffnung, ja der Zuversicht sein kann. Und so ist das Gedenken am heutigen Tage nicht nur rückwärtsgewandt, sondern führt uns auch vor Augen, dass wir damit auch die Zukunft unserer Kinder in den Blick nehmen.

Wohl alle die hierher kommen, werden so der universalen Verpflichtung eingedenk werden, dass wir alle, wer immer wir sind und wo immer wir leben, für Recht und Würde aller Menschen einstehen. Wir können aus der Geschichte lernen. Und wir haben aus der Geschichte gelernt. Dass wir heute alle hier miteinander sind, das ist ein sichtbares Zeichen dafür.

 

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