»Der Islamische Staat verübt einen Feminizid« | Blätter für deutsche und internationale Politik

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»Der Islamische Staat verübt einen Feminizid«

Dossier der Frauenbegegnungsstätte UTAMARA e.V. zur Situation von Frauen in Syrien, Irak und Kurdistan, Oktober 2014

Einleitende Worte

Eine Reihe Frauen, an den Händen gefesselt, verhüllt unter schwarzem Tuch. Wir sind geschockt von den Bildern, die wir dieser Tage in den Zeitungen und auf den Bildschirmen verfolgen. Wir sind erschüttert von dem Ausmaß an Hass und Verachtung gegen Frauen und auf welch bestialische und systematische Weise ihre physische und seelische Vernichtung geführt wird. Der von der Terrormiliz IS (Islamischer Staat ehemals ISIS/ ISIL) in Syrien und dem Irak verfolgte Genozid an den alten Völkern und Religionen des Mittleren Ostens ist auch ein Genozid an Frauen. Ein Feminizid 1, dem gegenüber wir nicht schweigen können, dem wir uns als Frauen entgegenstellen müssen!

So scheint das Gesehene weit entfernt. Mehr als 4000 Kilometer trennen uns von Mossul, einer der Städte, in denen heute Frauen auf Märkten als Sklavinnen verkauft werden. Doch nicht nur Bilder verbreiten sich schnell über Telefon und Internet, auch Gedanken und Vorstellungen, auch Hass und Gewalt erreichen unsere eigenen Haustüren. Dagegen gemeinsam als Frauen zu kämpfen, ist unser Anliegen.

Viele unserer Mitfrauen haben als Kurdinnen ihre Wurzeln im Mittleren Osten. Seit Jahren arbeiten wir als Frauenbegegnungsstätte UTAMARA e.V. zu Traumatisierung durch Krieg und Flucht, zu Gewalt an Frauen in ihren strukturellen und gesellschaftlichen Formen und insbesondere auch zu kulturell und religiös begründeter Gewalt und gegen sexistische und patriarch ale Weltbilder und Systeme.

Aus aktuellem Anlass haben wir im Folgenden Informationen zusammengetragen zur Situation von Frauen in diesem Krieg, zu ihrer Stellung in der salafistischen Ideologie und Praxis, zu Salafisten in der Bundesrepublik und der Situation von Flüchtlingsfrauen im Mittleren Osten und hier. Vieles davon ist bekannt, in den Medien wurde an unterschiedlichen Stellen dazu berichtet. Uns war es jedoch wichtig, diese Informationen einmal gesammelt darzustellen, um durch ein Gesamtbild die Situation der Frauen greifbarer zu machen.

Wir wollen damit informieren und sensibilisieren für die Situation von Frauen dort und hier, aber vor allem auch dazu anregen, als Frauen gemeinsam aktiv zu werden:

für humanitäre Hilfe vor Ort und die Unterstützung der Frauen im Irak und Syrien;

für die Unterstützung von Frauenorganisationen und -projekten und bei bereits laufenden Demokratisierungsprozessen im Irak und in Syrien!
 

Teil I
verschleppt, vergewaltigt, verkauft, ermordet - IS und sein brutaler Krieg gegen Frauen

Der Beginn des Krieges in Syrien im Jahr 2011, der sich nun auch im Irak ausgebreitet hat, markierte für die Frauen in dieser Region eine brutale Steigerung von Gewalt und Unterdrückung aufgrund ihres Geschlechts. Weltweit bringen Medien täglich neue Schreckensmeldungen, die auf das Konto der Gewaltherrschaft der salafistisch-dschihadistischen Terrorgruppe IS (Islamischer Staat) zurückgehen. Es werden Fatwas erlassen, die Frauen verbieten sich in der Öffentlichkeit zu bewegen und ihnen vorschreiben, sich ganz zu verschleiern. Frauen werden entführt und auf Sklavenmärkten verkauft. Frauen werden zur Prostitution gezwungen, um den Dschihadisten als Sexsklavinnen zu dienen oder ihnen wird durch ihre Leistung im Sex-Dschihad der Eintritt ins Paradies versprochen. Frauen werden ermordet oder in den Selbstmord getrieben. Wir versuchen im Folgenden, diesen brutalen Krieg, der insbesondere gegen Frauen gerichtet ist und sie als Instrument der Kriegsführung zur Vernichtung der Bevölkerung dieser Region missbraucht, in seiner Breite darzustellen.

Aufgeschreckt wurde die internationale Öffentlichkeit durch die Massaker, zu denen es in Folge der Einnahme der vor allem von kurdischen EzidInnen 2 bewohnten Region Schengal durch den IS am 3. August 2014 kam. Nach Angaben der Vereinten Nationen führten diese Angriffe in der Provinz Ninive zu einer Massenflucht von etwa 200.000 Menschen; regionale Berichte sprechen von bis zu 300.000. Andersgläubige werden aus vermeintlich religiösen Gründen vom IS regelrecht abgeschlachtet. In Schengal traf es EzidInnen, aber auch christliche Minderheiten und andere islamische Strömungen wie z.B. SchiitInnen sind Ziel der Gewalttaten durch den IS.

In diesem Zusammenhang berichtet u.a. die britische Tageszeitung independent, dass ChristInnen in Mossul gezwungen werden, zum Islam zu konvertieren, eine spezielle Steuer zu entrichten haben oder gegebenenfalls auch getötet werden. 3

Anfang August wurden in der Region um Schengal 3000 bis 4000 Menschen hingerichtet, einzeln oder auch als öffentlicher Massenmord. Weitere 5000 Menschen wurden entführt, darunter mindestens 1500 bis 2000 Mädchen und Frauen. Was mit diesen Mädchen und Frauen passierte oder passieren wird, ist absehbar. Aufgrund ihrer ezidischen Religionszugehörigkeit werden sie als halal (arabisch: erlaubt, zulässig) erklärt, was einem Vergewaltigungsaufruf gleichkommt. Im Internet finden sich erschreckende Bilder , auf denen zusammengekettete, vollverschleierte Frauen zu sehen sind, die als Sklavinnen wie Ware verkauft oder den IS-Terroristen zur sexuellen Ausbeutung übergeben werden. Bereits 2013 wurde zur Vergewaltigung von nicht-sunnitischen Frauen aufgerufen.4 Darüber hinaus erklärte am 18. Juni 2014 in Mossul eine Fatwa der IS, dass auch Frauen und Töchter jeglicher für Maliki arbeitenden Soldaten und Polizisten halal seien.

Augenzeugen berichten außerdem von Fällen, in denen IS-Terroristen Frauen, die sich nicht ergeben haben, die Brüste abgeschnitten und ihre Körper zerstückelt haben. Um diesem Schicksal zu entgehen und nicht in die Hände des IS zu geraten, wählten Hunderte Frauen den Selbstmord.

Die Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke (Fraktion Die Linke) berichtete jüngst im Bundestag von ihren Eindrücken, die sie auf einer Reise Anfang August in die kurdischen Gebiete in Nordsyrien, wohin sich nach den Angriffen auf Schengal Zehntausende kurdische EzidInnen aus dem Irak geflüchtet haben, sammeln konnte: „Das Wort »grausam« ist weit untertrieben. Ich habe Berichte über Massenhinrichtungen gehört; mir wurde geschildert, wie IS-Terroristen einem Vater erst die Gliedmaßen abschlugen, bevor sie ihn köpften – seine gesamte Familie musste zuschauen. Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung, christliche oder ezidische Frauen werden entführt und auf dem Sklavenmarkt in Mossul verkauft. Mir wurde mehrfach erzählt, dass IS-Terroristen alte Frauen in Brautkleider gesteckt und sie dann vergewaltigt haben. Das wurde gefilmt. Das Opfer wurde anschließend totgeschlagen und den Angehörigen vor die Füße geworfen.“5

Eine humanitäre Katastrophe, die Frauen auf eine besonders brutale Art und Weise trifft: 50.000 EzidInnen flohen aufgrund der Angriffe in die angrenzenden Berge, in denen viele von ihnen aufgrund von Erschöpfung, Wasser- und Nahrungsmangel starben, insbesondere Kinder und alte Menschen.
Zuvor, am 10. Juni 2014, wurde die Stadt Mossul im Irak von der IS eingenommen. Im Anschluss daran rief der IS für die von ihnen besetzen Gebiete bis nach Syrien das Kalifat aus, d.h. einen islamischen Staat, in dem die Scharia das oberste Gesetz darstellt.

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1 Feminizid bezeichnet in Anlehnung an den Begriff des Genozides die systematische Vernichtung von Frauen auf Grund ihres Geschlechtes und meint damit die gezielte Tötung ebenso wie physische und mentale Gewalt.

2 kurdischsprachige religiöse Minderheit, deren Wurzeln auf den Zoroastrismus zurückgehen.

3 http://www.independent.co.uk/news/world/middle-east/time-runs-out-for-ch...

4 http://www.youtube.com/watch?v=XSR176Ot-YA

5 http://www.dw.de/bundesregierung-verurteilt-is-terror/a-17841495; http://www.jungewelt.de/2014/08-12/047.php-

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Das vollständige Dossier finden Sie hier.

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