Die Einflüsterer des Präsidenten: Fox News und Donald Trump | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Die Einflüsterer des Präsidenten: Fox News und Donald Trump

von Klaus Kamps

Erstaunliche Meldungen waren das, in der Tat: US-Präsident Donald Trump möchte Grönland kaufen, befiehlt amerikanischen Unternehmen, China zu verlassen, erklärt den Chef der amerikanischen Zentralbank zum Feind – und beschwert sich über seinen Lieblingssender, „Fox News“, weil dort nicht nur schlechte Umfragewerte über ihn zu hören waren, sondern auch einzelne Moderatoren kritische Kommentare wagten. Doch Trump wäre nicht Trump, hätte er nicht stets etwas reichlich Unerwartetes in petto. Neuerdings outet er sich als Fan des vergleichsweise winzigen Fernsehsenders „One American Network“ (OAN) („Wann immer möglich OAN schauen!“). Der Sender hat allerdings eine weit geringere Reichweite als Fox News und stellt insofern keine echte Alternative dar. Und vermutlich wird Trump sich auch wieder beruhigen, wenn in Kürze seine ehemalige Pressesprecherin Sarah Huckabee Sanders als Kommentatorin bei dem Nachrichtensender einsteigen wird. Sanders hatte Trump noch bei ihrem Abschied im Weißen Haus ein „Ich liebe den Präsidenten“ gewidmet.

Wie eng die Beziehung zu Fox News ist, konnte man auch am 5. Oktober vergangenen Jahres erleben. Nur einen Tag vor den Midterms, den US-Kongresswahlen zur Halbzeit der Präsidentschaft, kündigte Fox-News-Moderator Sean Hannity in Cape Girardeau, Missouri, einen Auftritt von Donald Trump an – und zwar nicht vor den Kameras seines Senders, sondern am Rednerpult der Wahlkampfarena, hymnisch und unter anderem mit den Worten: „By the way, all those people in the back are fake news“[1] – eine Aussage, für die er sich später bei Fox-Mitarbeitern entschuldigte, die bei den „people in the back“ standen und sich fälschlicherweise angesprochen fühlten. In den US-Medien löste dieser Auftritt eine kurze Diskussion aus über eine neuerliche Grenzüberschreitung von Fox News. Wirklich überrascht zeigte sich allerdings niemand angesichts der allzu geläufigen Fake-News-Etikettierung. „Kein Problem“, erklärte Sean Hannity, angesprochen auf seine Nähe zu Trump, einmal der „New York Times“; er habe schließlich nie von sich behauptet, Journalist zu sein.[2] Vielmehr sieht er sich als Opinion Host, als Gastgeber einer meinungsorientierten Show – befreit von jeglichen journalistischen Standards.

Genau das ist das Selbstverständnis von Fox News – als parteilich orientierter Sender „Schwert und Schild“ der Präsidentschaft Donald Trumps zu sein und ihn wo immer möglich zu unterstützen: In der Verteidigung gegen jede Kritik, im Angriff auf seine politischen Gegner (oder andere Medien). Das geht weit über einen ärgerlichen Tendenzjournalismus hinaus und nähert sich in den reichweitenstarken Formaten des Senders einer durchgängig einseitig geratenen Berichterstattung vom Präsidenten, seiner Agenda, den politischen Motiven dahinter wie den Folgen. Das wird natürlich auch in den USA wahrgenommen[3] – unter anderem mit dem Ergebnis, dass die Demokraten Fox News als „Medienpartner“ von den Vorwahlen und ihren Debatten ausschlossen. Auch das ist ein Symptom dafür, dass in der Präsidentschaft Trump das Verhältnis von Politik und Journalismus, Regierung und Medien sehr unterschiedliche Neuorientierungen erfährt. Freilich: Wer da wem zur Hand geht, der Sender dem Präsidenten oder umgekehrt, ist nicht so eindeutig, wie man auf den ersten Blick meinen möchte. Während man in Fox News einen als Journalismus verkleideten Parteigänger des Präsidenten sehen darf, ist der Sender doch weit mehr als eine untertänige Propagandaorganisation. Er ist ein politischer Akteur ganz eigener Art.

Nun sind parteilich orientierte Medien der US-Demokratie nicht fremd; zusammen mit dem Sensations- und Skandaljournalismus war er prägend in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.[4] Fox News allerdings hat sich in der Präsidentschaft Donald Trumps von einem konservativen Sender mit ideologischem Einschlag zu einem veritablen politischen Akteur entwickelt, der Personalpolitik betreibt, Tonlagen vorgibt und die politische Agenda mitbestimmt. Konservative Positionen im Land und die, die sie vertreten, müssen metaphorisch gesprochen durch das Nadelöhr Fox News.

Die Nachrichtenplattform des konservativen Amerikas

Gegründet 1996 von Medienmogul Rupert Murdoch, wurde Fox News aufgebaut nach dem Vorbild der britischen Boulevard-Presse und des US-Nachrichtensenders CNN.[5] Unternehmerisch wie programmatisch stand das Radio-Talk-Format von Rush Limbaugh Pate, der mit seiner staatskritischen, sensationalistischen und (erz-)konservativen Radioshow seit Ende der 1980er Jahre landesweit erfolgreich war. Roger Ailes, der erste Präsident von Fox News, positionierte den Sender explizit als Gegengewicht zu einem „liberal bias“, einer so wahrgenommenen liberalen Neigungder „mainstream media“, die lediglich „lapdogs“seien – Schoßhündchen des linken politischen Establishments in Washington. Kurzum: Fox News war eine politische Tendenz in die Wiege gelegt.[6] Unter Georg W. Bush profilierte und etablierte sich Fox News als konservativer Sender mit einem Hang zu emotionaler Berichterstattung. Gleich zu Beginn der Regierungszeit Barack Obamas adoptierte man dann nachgerade die eben aufkommende Tea Party, was dem Sender Einschaltquoten bescherte und der Tea Party eine nationale Plattform. In den kommenden Jahren begleitet Fox News die Präsidentschaft Obamas ausnehmend kritisch – euphemistisch ausgedrückt. Haupttenor dieser Zeit war der anstehende Untergang Amerikas („The end of America as we know it“), den das liberale Washington der Demokraten verantworte. Spätestens mit der Präsidentschaftswahl 2012 verfolgte Fox News eine radikalkonservative Fundamentalopposition gegen Obama, die jegliche Regierungsinitiative als sozialistisches „big government“ablehnte.

Mit dem ökonomischen Erfolg dieser Orientierung verfestigte sich die Rolle von Fox News als führende politische Nachrichtenplattform des konservativen Amerikas. Hier können und müssen sich Kandidatinnen und Kandidaten der Republikaner beweisen, der Sender wurde zum „Königsmacher“: Es ist nunmehr für Republikaner mit Anspruch auf Bedeutung obligatorisch, in die Gesprächssendungen von Fox News eingeladen zu werden. Hier formieren sich die Partei, ihre Positionen und Sprecher. Der Politikberater Dick Morris fand dazu bei der allmorgendlichen Sendung „Fox & Friends“ einen fast schon historischen Merksatz: „Man gewinnt Iowa nicht in Iowa. Man gewinnt es auf unserer Couch.“[7]

Die Polarisierung des Publikums

Diese Einschätzung drückt sich auch konkret in Zahlen aus. Schon 2002, nur sechs Jahre nach seiner Gründung, verdrängte Fox News CNN von der Spitze der Kabelfernsehsender. Bereits ein Jahr zuvor übernahm die Fox-Show „The O’Reilly Factor“ die Spitze der Kabelformate. Allerdings heißt das für die große US-Bevölkerung in absoluten Zahlen übersetzt wenig: Die inzwischen abgesetzte Sendung hatte im Schnitt etwas über drei Millionen Zuschauer. Theoretisch empfangen werden kann Fox News von rund 94 Millionen Zuschauern. Mit 11,5 Millionen Zuschauern war die dritte Debatte im Präsidentschaftswahlkampf 2012 bislang die Sendung mit dem höchsten Zuspruch. Der Sender selbst kommt heute im Tagesdurchschnitt auf rund 1,5 Millionen, in der Primetimesind es etwa 2,5 Millionen, und das für Trump wichtige politische Format „Hannity“ erreicht rund 2,8 Millionen Zuschauer.[8] Mit solchen Quoten macht man derzeit etwa 2,7 Mrd. Dollar Gewinn im Jahr.

Dabei deuten Umfragen seit etwa 2004 auf eine immer stärker zunehmende Polarisierung der Zuschauer: Anhänger oder Wählerinnen der Republikaner wenden sich nicht nur Fox News zu, sie beginnen zugleich, andere Nachrichtenformate zu meiden.[9] In den letzten Jahren der Präsidentschaft Obamas nennen fast 80 Prozent der konservativen Amerikaner Fox News als ihre wichtigste oder gar einzige Nachrichtenquelle.[10] Kein anderer Sender, kein anderes Nachrichtenformat wie etwa lokale Radiostationen oder Tageszeitungen kommen dem nahe. Demgegenüber orientieren sich liberale Amerikaner breiter und nennen, entsprechend befragt, verschiedene Fernsehsender oder beispielsweise die „New York Times“ oder gar das öffentliche, nichtkommerzielle National Public Radio.

Unterschieden konkret nach Formaten und Sendern zeigt sich bei der Frage nach dem Vertrauen in das Medium ein Bild, wie wir es vielleicht erwarten: Republikaner vertrauen Fox News und „Hannity“ oder den Programmen von Glenn Beck, Rush Limbaugh oder dem „Drudge Report“: Programmen, denen Parteigänger der Demokraten mit deutlichem Misstrauen und Ablehnung begegnen. Sie wiederum vertrauen überwiegend der „Washington Post“, der „New York Times“, ABC, CBS, NBC oder CNN oder beispielsweise der „Daily Show“ – Sender und Formate, die wiederum von den republikanischen Parteigängern überwiegend abgelehnt werden.[11]

Gut vernetzt mit dem Weißen Haus

Donald Trumps Beziehung zu Fox News festigte sich im April 2011, als er eine neue Staffel der Show „The Apprentice“ bewarb und im Zuge diverser Auftritte die sogenannte Birther-Debatte befeuerte – also die Theorie, Barack Obama sei gar nicht in den USA geboren und folglich kein legitimer Präsident. Zwar stand Fox News dieser „Idee“ anfangs offenbar skeptisch gegenüber; mit Trump und steigenden Quoten ändert sich das allerdings. Interessanterweise war Trump zunächst auch nicht Favorit des Senders im Rennen um die Kandidatur der Republikaner. Im Vorwahlkampf wurde er anfangs noch argwöhnisch betrachtet; der Verdacht stand im Raum, seine Kandidatur sei eine nur oberflächlich verschleierte Marketingkampagne. Allerdings registriert man rasch, wie die rechtskonservative Netzseite „Breitbart“ mit Trump hohe Klickraten erzielte. Insbesondere Sean Hannity unterstützte Trump früh.

Heute ist Hannity praktisch auf jeder Reise des Präsidenten dabei und Fox News mit weitem Abstand der Sender, dem Trump am häufigsten ein Interview gewährt. Eine Vielzahl langjähriger Kontakte sind die Säulen dieser besonderen Beziehung. Beispielsweise Bill Shine, der ehemalige stellvertretende Präsident von Fox: Er diente von Juli 2018 bis März 2019 als Director of Communications (und zugleich stellvertretender Stabsleiter) im Weißen Haus.[12] Shine war bei Fox News über ein Jahrzehnt lang für die Meinungs-Shows zuständig, die den konservativen Charakter des Senders prägen und die Präsidentschaft Trumps unterstützen. Ben Carson, Trumps Wohnungsbauminister, war zuvor über Jahre regelmäßiger Kommentator bei Fox. Heather Nauert, ehemalige Nachrichtensprecherin bei Fox News und Moderatorin von „Fox & Friends“, war bis Ende 2018 Sprecherin des State Departements und für kurze Zeit, ohne diplomatische Erfahrung, als Vertreterin der USA bei der UNO im Gespräch. Von Pete Hegseth, Fox-News-Moderator, und Lou Dobbs von Fox Business heißt es, sie würden des Öfteren über Lautsprecher in Meetings im Oval Office zugeschaltet. John Bolton, Nationaler Sicherheitsberater, war ebenso wie seine kurzzeitige Stellvertreterin, Kathleen McFarland, zuvor Fox-Kommentator.[13]

Und die Beziehung fruchtet auch umgekehrt: Die Vorgängerin von Bill Shine, Hope Hicks, führt seit Anfang 2019 die Public-Relations-Abteilung bei 21st Century Fox. Enge Beziehungen zum Präsidenten werden noch den Fox-Moderatoren Jeanine Pirro und Tucker Carlson zugesprochen.[14] Der wichtigste Kontakt aber dürfte nach wie vor Sean Hannity sein, der selbst sagt, er telefoniere täglich mehrmals mit dem Präsidenten[15] – kein Wunder, dass er bei den Mitarbeitern im Weißen Haus auch als „Shadow Chief of Staff“ firmiert: Sinnbild für die Entscheidungsfindung bei Donald Trump?

Hinzu kommt: Ehemalige Mitarbeiter und Berater, soweit sie sich nicht von Trump abgewendet haben, finden leicht Zugang zu den Opinion Talks bei Fox. Dort treffen sie womöglich auf Ann Coulter, Publizistin und Autorin, die dort als Pundit, als Expertin und Kommentatorin, zu Wort kommt. Die Titel von zwei ihrer letzten Bücher lauten: „Adios America – The Left’s Plan to Turn Our Country into a Third World Hellhole“ und „In Trump we Trust: E Pluribus Awesome“.[16] Als im Sommer 2018 im Zusammenhang mit der umstrittenen Trennung von Kindern illegaler Migranten von ihren Eltern in den Medien Fotos weinender Kleinkinder zu sehen waren, plädierte sie für eine Nulltoleranzstrategie und wandte sich in einer Fox-Show direkt an den Präsidenten: „Diese Kinderschauspieler, die gerade auf allen anderen Fernsehsendern rund um die Uhr weinen und schluchzen – fallen Sie nicht darauf herein, Mr President.“[17] Coulter konnte sich ziemlich sicher sein, dass ihr Appell zumindest gehört wurde.

Tatsächlich scheinen speziell die Fake-News-Attacken von Donald Trump zu wirken. Seit seinem Amtsantritt hat das Vertrauen der Amerikaner in die Rolle der Medien als 4. Gewalt, als Watchdog, deutlich abgenommen – und zwar vornehmlich bei den Republikanern. Nur 38 Prozent von ihnen trauen „den Medien“ noch zu, einer kritischen Rolle gerecht zu werden, während es bei den Demokraten noch beachtliche 82 Prozent sind: Dies ist die mit Abstand größte je vom PEW Research Center gemessene Differenz zwischen den Anhängern der Parteien hinsichtlich dieser „Vertrauensfrage“.[18] Die Republikaner aber haben dennoch einen Favoriten, mit 88 Prozent Zustimmungsrate: In Fox they trust.[19]

Damit besitzt Fox Newsim konservativen Amerika eine Exklusivität, für die es auf der liberalen Seite keine Entsprechung gibt; bei den Anhängern der Demokraten gestaltet sich die Mediennutzung weitaus heterogener. Da die Zahlen absolut betrachtet allerdings relativ niedrig ausfallen, sind die Folgen einer derartigen Orientierung schwer einzuschätzen. Die konservative „Echokammer“, bei der Fox News ein wichtiges Medium unter anderen ist,[20] ist nicht wirklich schalldicht. Allerdings ist ein Trend zur parallelen Nachrichtenwelt unverkennbar, und in der Präsidentschaft Trump scheint er sich zu verstärken. Damit verschärft sich – in der Tendenz – die Polarisierung im politischen Amerika: Man setzt nicht nur andere Prioritäten, ist unterschiedlicher Meinung, findet einfach keinen Konsens im Streit, sondern redet mehr und mehr aneinander vorbei.

Die Abschottung politischer Deutungsmuster

Ein nachgerade „bizarres“ Beispiel – so das Urteil der „Washington Post“[21] – für die dann gelegentlich exklusive Ausrichtung republikanischer Politiker entlang eben der Rhetorik, die sie bei Fox News erfahren, war die Anhörung des Sonderermittlers Robert S. Mueller Ende Juli 2019 im US-Kongress. Bei diesen Anhörungen kann jeder der Abgeordneten (der jeweiligen Kommission) den Zeugen einige Fragen stellen – eine Gelegenheit, die schon traditionell politisch genutzt wird, um im jeweiligen Sachverhalt nicht nur für Klarheit zu sorgen, sondern die Aufmerksamkeit auf Details zu lenken, von denen man sich Vorteile verspricht. An diesem Mittwoch Ende Juli im Capitol ließ sich live beobachten, was man Ingroup-Moments nennt: Ein im Kern nur der eigenen Klientel verständliches Gerede, das nicht auf Aufklärung und Information abzielt, sondern auf Anschlusskommunikation innerhalb der eigenen Gruppe, der Ingroup. Und seien es, im Zweifel, Verschwörungstheorien.

So konzentrierte sich der republikanische Kongressabgeordnete Steve Chabot in seinen Fragen an den Sonderermittler auf den in seinen Augen bezeichnenden Umstand, dass in Muellers Abschlussbericht weder Glenn Simpson noch seine Firma Fusion GPS erwähnt würden. Simpson und Fusion werden für ein zwielichtiges Russland-Dossier über Trump verantwortlich gemacht und in rechtskonservativen Kreisen und Medien schon längere Zeit angegriffen. Mueller konnte in der Anhörung mit diesen Namen, auf die dann andere Republikaner im Laufe des Tages zurückkamen, nicht viel anfangen: Der obskure Vorgang bzw. die Firma lagen nicht im Rahmen seines auf die Wahlkampagne fokussierten Auftrags und hatten ihn und sein Team nicht beschäftigt. Und nicht nur Mueller dürften solche Fragen rätselhaft erschienen sein, sondern auch den liberalen Teilen der Nation: Denn Simpson und GPS spielten zuvor nahezu ausschließlich bei Fox News oder im konservativen Talk-Radio eine Rolle.

Das Beispiel illustriert, dass sich zu einem Trend zur Fragmentierung des US-amerikanischen Nachrichtenpublikums – unmittelbar und je abgeschlossener das Publikum sich faktisch formiert – die Abschottung politischer Deutungsmuster gesellt: Erklärungen meist einfacher Natur, die komplexere Zusammenhänge auf den Punkt zu bringen scheinen. Bei Fox News hat sich im Laufe der Jahre eine Art Neusprech herausgebildet, das dann in den institutionellen politischen Raum einfließt und dort den Diskurs (mit-)gestaltet bzw. von unliebsamen Punkten ablenkt. Ein solches Framingan und für sich ist allerdings keine Exklusivveranstaltung von Fox, nimmt dort aber den Charakter einer politischen Botschaft an. Beispielsweise wurde die Gesundheitsreform der Regierung Obama nicht nur „kritisch“ begleitet, sondern nachgerade ideologisch besetzt als „Sozialismus“, ja „Marxismus“ – und mit bösen Metaphern unterlegt, etwa den sogenannten Death Panels: angeblichen Kommissionen, die über das Wohl und Wehe schwerkranker Patienten bestimmen würden. Illegale Immigration wird bei Fox News standardmäßig als „Invasion“ tituliert – eine Wortwahl, die auch der Präsident benutzt.

»Fox & Friends«: Trumps morgendliches Briefing

Nur wenige Wochen nach seiner Amtseinführung, nämlich am 18. Februar 2017, kam Trump in einer Rede für viele überraschend auf die Flüchtlingspolitik in Schweden zu sprechen. „Schaut nur, was letzte Nacht in Schweden passiert ist. Schweden! Wer kann das glauben? Schweden! Sie haben eine große Menge aufgenommen. Sie haben Probleme, die sie nie für möglich gehalten hätten.“[22] Nicht nur seine Wählerinnen und Wähler, die Schweden selbst dürften etwas erstaunt gewesen sein. Trumps Quelle: Fox News, zumindest ist das sehr wahrscheinlich. Dort lief am Abend zuvor ein kurzer dystopischer Film über Schweden als Beispiel übler, fehlgeschlagener Flüchtlingspolitik in Europa, ein Land gebeutelt von Ausländerkriminalität, durchzogen von No-Go-Areas. Moderator Tucker Carlson zeigte sich die ganze Sendung erschüttert über die Naivität der Schweden, die den Zusammenhang von steigenden Verbrechensraten und muslimischer Immigration einfach nicht sehen wollten.[23]

Ähnliches Vorgehen, anderes Thema, am 4. März 2017; Trump twitterte: „Schrecklich! Habe gerade herausgefunden, dass Obama kurz vor meinem Sieg meine Leitungen im Trump Tower angezapft hatte. Nichts gefunden. Das ist McCarthyismus!“[24] Kurz vorher hatte sich „Fox & Friends“ mit dem „National Security Establishment“ befasst, und der Gedanke stand im Raum, die Regierung Barack Obamas habe Trumps Wahlkampfteam abgehört.

All das ist gewiss kein Zufall. Traditionell trifft sich, soweit es die Agenda zulässt, der US-Präsident täglich um elf Uhr vormittags mit seinen Sicherheitsberatern. Es spricht einiges dafür, dass ein anderes Briefing einige Stunden zuvor stattfindet, morgens bei „Fox & Friends“.[25]Matt Gertz von „Media Matters“ untersuchte solche meist unmittelbare Reaktionen von Trump auf das, was er bei „Fox & Friends“ sieht und hört.[26] Von August 2018 bis zum März 2019 hat der Präsident mehr als 200 Mal auf Dinge, die in der Sendung problematisiert wurden, mit Tweets reagiert – und das betrifft nur die Morgensendung! Fox News schlägt Positionen vor, ficht Argumente an, attackiert Politiker, Fox News verwirft ganze Politikprogramme. So hat der Sender beispielsweise im Haushaltsstreit den Präsidenten dazu ermuntert, alle Kompromisse abzulehnen – quasi anwaltschaftlich für seine Klientel.Als dann im Gerangel um den Shutdown nach Aussage von Vizepräsident Mike Pence ein „Deal“ praktisch unter Dach und Fach gewesen sei, wird der von Trump doch noch abgelehnt – just nachdem der Kompromiss in verschiedenen Fox-Sendungen ausgiebig „problematisiert“ wurde.[27] Konkret in einem anderen Kontext: Unmittelbar nach der Veröffentlichung des Mueller-Berichts und der recht beschönigenden Zusammenfassung durch Justizminister William Barr bezog sich Trump vom 24. März bis zum 29. April 2019 in 43 von 100 Tweets explizit auf Fox News oder Fox Business und übernahm die Lesart des Senders. Das ist politischer Austausch unter Parteifreunden, ein White-House-Fox-News-Twitter-Fox-News-White-House-Zyklus. Dass Fox News dabei Ton, Agenda und Inhalte der Politik von The Donald mitbestimmt, dürfte den Verantwortlichen nicht entgangen sein. „Bei den täglichen Redaktionsgesprächen planen sie die Politik des Landes.“[28] Womöglich ist Fox nicht nur ein Unterstützer der Trump-Präsidentschaft, sondern bedient ein Policy-Vakuum?

Das rechte Medien-Ökosystem

Was sich hier abzeichnet, wird auch als Propaganda Feedback Loop beschrieben:[29] Fox News setzt auf politisch eindeutig markierte Inhalte, um in einer politisch mehr und mehr polarisierten Umwelt und im Kontext eines verschärften ökonomischen Wettbewerbs in der Medienbranche ein Stammpublikum an sich zu binden. Der Sender selbst sieht sich als politisches Element, wenn er in Spots damit wirbt, der sogenannten schweigenden Mehrheit eine Stimme zu geben.[30] Dazu bezieht man klare Position, vermeidet komplizierte übergreifende Analyse und Kontextualisierung, emotionalisiert (beispielsweise über die Ansprache von Ressentiments) und bedient sich eines Framing, das einem strikten Ingroup-Outgroup-Denken folgt („Us against them.“). Dieser Ansatz – und das ist kaum zu unterschätzen – belohnt nicht Ausgewogenheit, nüchterne Fakten und kritische Distanz, sondern Konsistenz und Einheit und Überspitzung.

Damit findet man ein Publikum, das vor allem an der Bestätigung seiner politischen Vorstellung interessiert ist. Natürlich werden Konkurrenzmedien angegriffen, die als unglaubwürdig dargestellt werden. Je klarer (und abgeschotteter) sich wiederum dieser Zusammenhang zwischen politischer Orientierung des Senders und seines Publikums darstellt, desto zwingender orientieren sich republikanische Politikerinnen und Politiker (oder solche, die es werden wollen) an Positionen, von denen sie annehmen dürfen, dass sie in diesem Umfeld unterkommen und akzeptiert werden – und dort besonders prominent platziert werden: Ein sich selbst verstärkender, dynamischer Prozess, bei dem sich auf kurz oder lang die extremeren, hervorstechenden Positionen durchsetzen – denn sie sind es, die vom Sender mit besonderer Aufmerksamkeit belohnt werden. Dieser Prozess wirkt polarisierend, der Loop ist eine Dauerschleife, eingebettet darüber hinaus noch in ein sich gegenseitig zitierendes „rechtes Medien-Ökosystem“.[31]

Fox News und sein Präsident

Auf diese Weise hat Fox News – im Zusammenspiel mit anderen konservativen Medien oder Persönlichkeiten – erhebliche Definitionsmacht darüber gewonnen, was den amerikanischen Konservatismus heute bestimmt. Was vor fünfzehn Jahren vielleicht noch als eine steile These durchgegangen wäre, ist heute Realität. Dies nehmen nicht nur die republikanischen Eliten so wahr, sondern auch der Präsident selbst. So konnte Trump etwa in der monatelangen, für ihn durchaus schwierigen Untersuchung des Sonderermittlers Robert Mueller stets sicher sein, dass Fox News ihm den Rücken deckt und seiner Wählerschaft und den republikanischen Kongressabgeordneten solche Sichtweisen anbietet, die seiner eigenen Deutung einer „Hexenjagd“ entsprachen. Solche politischen Resonanzen allerdings entwickeln sich vor einem recht eindeutig parteipolitisch orientierten Publikum – und im Kontext ökonomischer Fragen: Fox News hat möglichst hohe Zuschaueranteile zum Ziel und bedient strategisch eine Erregungsöffentlichkeit, die den Diskurs nicht kennt und abweichenden Meinungen keinen Raum gibt, sich aber dankbar zeigt für die scharfen Tweets des Präsidenten. Man weiß auch sehr genau, dass schlechte Nachrichten für das (republikanische) Zielpublikum zu schlechten Quoten führen. Entsprechend eindeutig positiv wird die Politik Trumps begleitet, entsprechend negativ wird der politische Gegner „besprochen“.

Dem vielschichtigen Zyklus zwischen Fox, dem Weißen Haus, dem republikanischen Kongress und anderen rechtsgerichteten Medien zu eigen ist ein politisch wirksames Radikalisierungsmoment: Besonders solche polarisierende Themen und Argumente oder Ressentiments werden in den politischen Raum und die Medienlandschaft gespiegelt oder von dort aufgegriffen, die Aufmerksamkeit bei einem rechtskonservativen Publikum garantieren – bis hin zu Verschwörungstheorien und einem Paranoia Feeding, dem Befeuern der Paranoia. Dieser Prozess ist zweifellos älteren Datums, er wurde also nicht erst mit der Präsidentschaft Trumps angestoßen, sondern fußt in einer Totalopposition gegenüber Barack Obama. Dabei sticht als das wohl wichtigste übergeordnete Deutungsmuster schon länger die Idee des Deep State hervor. So konnte Fox News natürlich die Mueller-Ermittlungen nicht völlig ignorieren, auch nicht die anhaltende Kritik an allen Ecken der Präsidentschaft und der Person Trump und dessen Politikstil. Aber man kann die Russland-Untersuchungen als schillernden Beweis für den „tiefen Staat“ verkaufen. Und damit ist nicht die gleichnamige US-Fernsehserie gemeint, sondern die Theorie, dass Geheimdienste und andere sinistre Bürokraten im Verborgenen eine üble Kabale spinnen, um ihnen unliebsamen (aber gewählten) Politikern wie Trump in den Rücken zu fallen. Deep State als Attacke auf Politikerinnen und Politiker der Demokraten und demokratische sowie administrative Institutionen begleitete die Untersuchung spätestens seit Mai 2017, also seit der Entlassung von James Comey als FBI-Direktor und der Einsetzung von Mueller als Sonderermittler.[32] Dieses Narrativ – besonders prominent bei „Hannity“ – mündete dann beispielsweise in den erwähnten rätselhaften Nachfragen im Zuge der Anhörung.

Nicht allein mit und durch Fox News, sondern eingebunden in ein Netz rechtskonservativer Medien und Online-Plattformen formiert sich im Stile eines Zitierkartells ein Tribal Talk Circle, wie man es in den USA inzwischen fasst: eine inhaltlich um sich selbst kreisende Verweis- und Diskussionsstruktur, die sich an die eigene „Gemeinde“ richtet, nur Stimmen dieser Gemeinde zitiert – und sich daher um Argumente oder Daten links oder rechts der eigenen Linie nur marginal kümmert, wenn überhaupt. Dabei spielen die verschiedenen Talk-Formate (und Moderatoren wie Sean Hannity) als strategische Katalysatoren eine besondere Rolle für die republikanische Elite oder Personen, die dazugehören wollen. Denn hier gewinnen sie nicht „nur“ Amerika, wie es der oben schon zitierte Merksatz von Dick Morris meinte. Hier gewinnen sie ihren Präsidenten (und dessen Wohlwollen), der Fox News täglich ausgiebig verfolgt. Politiker und Interessenvertreter nutzen Fox News „und spielen dabei eigentlich für ein Publikum, das aus einer Person besteht“.[33] Und so kann man das Bonmot leicht abwandeln: „Man überzeugt den Präsidenten nicht in einem Konferenzraum – mit Argumenten. Man überzeugt ihn auf der Couch von Fox News – mit Rhetorik.“ Und gemeinsam verteidigt man dann die Deutungshoheit über das politische Amerika.



[1] Oliver Darcy, Sean Hannity said he wouldn’t campaign on stage at Trump‘s rally. Hours later, he did exactly that, https://edition.cnn.com, 6.11.2018.

[2] Rick Wilson, Everything Trump Touches Dies, New York 2018, S. 208. 

[3] Jane Mayer, The Making of the Fox News White House, in: „The New Yorker“,11.3.2019.

[4] Nicole Hemmer, Messengers of the Right. Conservative Media and the Transformation of American Politics,Philadelphia 2016, S. 9.

[5] Die angestrebte Übernahme von CNN war Murdoch noch ein Jahr zuvor verwehrt geblieben.

[6] Yochai Benkler, Robert Faris und Hal Roberts, Network Propaganda. Manipulation, Disinformation, and Radicalization in American Politics, New York 2018.

[7] Nicole Hemmer, Messengers of the Right. Conservative Media and the Transformation of American Politics,Philadelphia 2016, S. 273.

[8] Vgl. US-TV profitiert vom Trump-Effekt: Quoten von Fox News, CNN und MSNBC erreichen Höchstwerte, www.meedia.de, 5.1.2018 sowie: Fabian Riedner, US-Check. CNN und MSNBC haben das Nachsehen, www.quotenmeter.de, 7.11.2018.

[9] Vgl. Jonathan S. Morris, The Fox News Factor, in: „The International Journal of Press/Politics“, 10/2005, S. 66. 

[10] Vgl. Pew Research Center, Political Polarization and Media Habits, www.pewresearch.org, 21.10.2014.

[11] Vgl. ebd.

[12] Vgl. Jane Mayer, a.a.O.

[13] Bob Woodward, Fear. Trump in the White House, New York 2018, S. 87 f.

[14] Matt Gertz, A comprehensive review of the revolving door between Fox and the Trump administration, www.mediamatters.org, 22.7.2019. 

[15] Jane Mayer, a.a.O.

[16] Zu Deutsch: „Tschüss Amerika. Wie die Linke unser Land zu einem Dritte-Welt-Drecksloch machen will“. Der Titel des zweiten Buches variiert zwei offizielle Mottos der USA: Aus „In God we trust“ wird „Auf Trump vertrauen wir“ und bei „E pluribus unum“ („Aus vielen eines“) ersetzt „großartig“ die Betonung der Einheit des Landes.

[17] Zit. nach Eli Rosenberg, Ann Coulter tells Trump that immigrant children are ‚child actors‘, in Fox News interview, in: „The Independent“, 19.6.2019. 

[18] Vgl. Galen Stocking und Elizabeth Grieco, Partisans Remain Sharply Divided in Their Attitudes About the News Media, in: „Trust, Facts and Democracy“, 9/2019, www.journalism.org. 

[19] Vgl. Rachel R. Mourao u.a, Media Repertoires and News Trust During the Early Trump Administration, in: „Journalism Studies“,7/2018, S. 1945-1956. 

[20] Vgl. Kathleen H. Jamieson und Joseph N. Capella, Echo Chamber. Rush Limbaugh and the Conservative Media Establishment, Oxford 2018. 

[21] Vgl. Nicole Hemmer, Messengers of the Right. Conservative Media and the Transformation of American Politics,Philadelphia 2016.

[22] Zit. nach Jo Becker, The Global Machine Behind the Rise of Far-Right Nationalism, www.nytimes.com, 10.8.2019. 

[23] Lance W. Bennett und Steven Livingston, The disinformation order: Disruptive communication and the decline of democratic institutions, in: „European Journal of Communication“, 4/2018, S. 122-139.

[24] Yochai Benkler, Robert Faris und Hal Roberts, a.a.O., S. 153.

[25] Jane Mayer, a.a.O.

[26] Matt Gertz, Trump has referenced Fox News in 43% of his recent tweets about Mueller, www.mediamatters.org, 5.1.2019.

[27] Jane Mayer, a.a.O.

[28] Robert Cohen, Abwendbarer Abstieg der Vereinigten Staaten unter Donald Trump. Das New Yorker Tagebuch, Göttingen 2019, S. 122. 

[29] Vgl. Yochai Benkler, Robert Faris und Hal Roberts, a.a.O., S. 79.

[30] Vgl. Robert Cohen, a.a.O., S. 200.

[31] Vgl. Yochai Benkler, Robert Faris und Hal Roberts, a.a.O., S. 97.

[32] Vgl. Yochai Benkler, Robert Faris und Hal Roberts, a.a.O., S. 39.

[33] Ebd.

(aus: »Blätter« 10/2019, Seite 69-78)
Themen: Medien, USA und Parteien

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