Japan: Neuer Kaiser, neue Erinnerungskultur? | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Japan: Neuer Kaiser, neue Erinnerungskultur?

von Takuma Melber

Japans Kaiser tut es dem letzten deutschen Papst gleich: Noch vor seinem Ableben tritt er freiwillig von seinem Amt zurück. Akihito ist erst der zweite Regent in der Geschichte Japans, der zu Lebzeiten den Chrysanthementhron für einen Jüngeren räumt: Dankte 1817 Kaiser Kōkaku zugunsten seines 17jährigen Sohnes ab, so besteigt am 1. Mai 2019 Akihitos ältester Sohn, der 59jährige Kronprinz Naruhito, als „Tennō“ den Thron.

Das Parlament verabschiedete dazu eigens ein Sondergesetz, eine Art „Lex Akihito“, das Japans 125. Tennō den Rücktritt ermöglicht – innerhalb eines begrenzten Zeitfensters. Danach tritt das kaiserliche Haushaltsgesetz von 1947 wieder wie gewohnt in Kraft. Eine von Progressiven eingeforderte, umfassende Gesetzesreform fand hingegen keine Mehrheit. Damit bleibt eine weibliche Thronfolge weiterhin ausgeschlossen: Laut Artikel eins des kaiserlichen Haushaltsgesetzes können in Japan nur männliche Nachkommen aus der männlichen Linie Kaiser werden. Prinzessinnen bleibt so nicht nur der Zugang zum Thron verwehrt. Nach wie vor verlieren sie gar den Status, der Kaiserfamilie anzugehören und müssen aus dieser offiziell ausscheiden, wenn sie einen Bürgerlichen heiraten. Dennoch sind die Erwartungen an den kommenden Kaiser hoch. Denn viele erhoffen sich von ihm eine kritischere und umfassendere Aufarbeitung der Verbrechen Japans im Zweiten Weltkrieg.

Kaiser Akihitos 30 Jahre umfassende Regentschaftszeit (1989 bis 2019) wird als Heisei-Periode in die Geschichtsbücher eingehen, gemäß seiner selbstgewählten Regierungsdevise „Heisei“ (zu Deutsch: „Frieden überall/innen und außen“). Er war Japans erster Kaiser, der den Inselstaat nicht mehr als gottgleicher Herrscher regierte. Den Zweiten Weltkrieg hatten die japanischen Truppen noch im Namen von Akihitos Vater, Kaiser Hirohito, geführt. Mit Japans Kapitulation nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 musste Hirohito seiner gottgleichen Stellung entsagen. Erst im Nachkriegsjapan, das bis 1951 unter alliierter, insbesondere US-amerikanischer, Besatzung stand, wurden Staat und Religion strikt getrennt. Das Kaisertum wurde in der neuen Verfassung auf die Rolle eines einenden Staatssymbols mit überwiegend repräsentativen und zeremoniellen Funktionen beschränkt – in gewisser Weise vergleichbar mit denen des deutschen Bundespräsidenten.

Worte mit Gewicht

Doch haben die Worte und das symbolische Handeln des Tennō noch immer großen Einfluss auf die japanische Gesellschaft. Denn für Liberal-Bürgerliche und Nationalkonservative hat die Figur des Kaisers nach wie vor eine immense Bedeutung. Sie dominieren Japans elitäre Kreise in Wirtschaft und Politik – vorneweg Japans größte Volkspartei LDP (Liberaldemokratische Partei Jimintō) – und damit den politischen Diskurs.

Der nun scheidende Akihito, der 1989 nach dem Tod des „Kriegs-Kaisers“ Hirohito den Thron bestieg, nahm diese diskursleitende Rolle ernst. Dabei war die Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg ein Leitthema seiner Regentschaft, in der er sich immer wieder als Verfechter der pazifistischen Nachkriegsverfassung Japans zeigte. Wenig überraschend war es ihm daher ein Anliegen, mit zahlreichen internationalen Reisen Japans Bande zum Westen zu stärken – zu Europa und zur angloamerikanischen Welt, besonders den USA. Als Anerkennung für seine Bemühungen um Völkerverständigung wurden Akihito zahlreiche Ehren zuteil, unter anderem der britische Order of the Garter („Hosenbandorden“) und das Große Bundesverdienstkreuz.

Im Innern trat Akihito mehr als jeder japanische Kaiser zuvor geradezu nahbar als „Tröster der Nation“ auf. Dennoch begleiteten seine Amtszeit inner-ostasiatische Kontroversen, denn die Geschichte von Japans imperialistischen Bestrebungen und seiner Rolle im Zweiten Weltkrieg sind noch immer unzureichend aufgearbeitet. So flammten zum einen mehrere territoriale Dispute auf: zwischen Japan und Südkorea um die Insel Takeshima, mit der Volksrepublik China und Taiwan um die Senkaku-Inseln und mit Russland um die Kurilen-Inseln. Zum anderen belastete die mangelnde Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs aber auch Japans Verhältnis zu seinen Nachbarländern: Verharmlosende Darstellungen des Nanking-Massakers in rechtskonservativen japanischen Schulbüchern oder Kontroversen um die Entschädigung asiatischer Zwangsarbeiter und Zwangsprostituierter (gemäß der japanischen Kriegspropaganda euphemistisch als „Comfort Women“ bezeichnet) ließen an Japans Willen zur Aufarbeitung zweifeln.

Im Zentrum des Umgangs mit der japanischen Geschichte stand unter dem scheidenden Kaiser „Irei“ – das Totengedenken, um die Seelen im Krieg Gefallener zu beruhigen, ihnen Respekt zu zollen und für ihr Seelenheil zu beten.[1] Akihito brachte etwa auf der alljährlich stattfindenden zentralen Gedenkfeier für die Kriegstoten immer wieder „tiefe Reue“ für die kriegerische Vergangenheit Japans zum Ausdruck. Und anlässlich des Gedenkens an 70 Jahre Kriegsende im Jahr 2015 sprach Akihito in seiner Rede von „Hansei“, zu Deutsch Selbstkritik oder Selbstreflexion. Dabei drückte er ein Versagen und falsches Verhalten in der Vergangenheit aus – gemeint ist im Krieg – und mahnte in seiner eindeutig pazifistischen Botschaft, dass sich Krieg nie mehr wiederholen dürfe.[2]

Das Gedenken der Kriegsopfer

Mit Besuchen auf den Inseln Saipan im Juni 2005 und Okinawa im März 2018 zollte Akihito den Seelen tausender ziviler japanischer Kriegstoter Respekt. Gerade das Gedenken an Japans Kriegsopfer der Schlacht um Okinawa war ihm ein besonderes Anliegen – sein Vater Hirohito hatte die Insel nie besucht. Doch bei diesen Aufwartungen sah sich der Tennō immer wieder lokalen Protesten und massiver Kritik ausgesetzt. Schließlich hatte Japans Armee im Zweiten Weltkrieg dort Zivilisten in vielen Fällen dazu gezwungen, im Rahmen der erbittert und fatalistisch geführten Abwehrschlachten im Sommer 1944 auf Saipan und im Frühjahr/Sommer 1945 auf Okinawa ihre Leben im Namen des Kaisers zu opfern. Die daher rührenden tiefen Ressentiments gegenüber dem Kaiserhaus zeigten sich in ihrer extremsten Form im Juli 1975: Nur knapp entgingen Akihito und seine Gattin Michiko – damals noch als Kronprinzenpaar – während eines Besuchs auf Okinawa einem linksextremistisch motivierten Attentat.

Auch die Philippinen, die während des Zweiten Weltkriegs unter japanischer Besatzung standen, besuchte Akihito im Januar 2016 als erster japanischer Kaiser nach Kriegsende. Im Rahmen des Gedenkens an die philippinischen Opfer thematisierte Akihito allerdings mit keinem Wort die Verantwortlichkeit seines Vaters für die Kriegsverbrechen: Allein im Februar 1945 massakrierten die Besatzer schätzungsweise hunderttausend Zivilisten in Manila. Zudem misshandelten und ermordeten sie im Frühjahr 1942 philippinische und amerikanische Kriegsgefangene beim „Todesmarsch von Bataan“.[3]

Doch obwohl es Akihito an der selbst eingeforderten Selbstkritik oder Selbstreflexion mangelte, stellte der Kaiser ein gewisses Regulativ im Innern dar. Vor allem bildete er ein Gegengewicht zu den Premierministern, die allzu oft nationalistische, rechtskonservative Kreise bedienten: Regierungschefs wie Koizumi Jun’ichirō (2001 bis 2006) besuchten etwa den Yasukunischrein, an dem Japans gefallene Militärangehörige seit der Meijirestauration 1868 verehrt werden. Akihito blieb jedoch ganz bewusst seine gesamte Amtszeit über dem umstrittenen Schrein im Zentrum Tokios fern. Schon Hirohito hatte dem Schrein seit 1978 keine Aufwartung mehr gemacht, nachdem die dortigen Shintōpriester die Seelen von 14 als Kriegsverbrecher der Klasse A verurteilten Personen aufgenommen hatten. Darunter befanden sich die des Premier- und Kriegsministers Tōjō Hideki und des Generals Matsui Iwane, Kommandeur beim Massaker von Nanking. Akihito behielt somit konsequent die Linie seines Vaters bei. Die Bedeutung solch symbolträchtiger Handlungen sollten nicht unterschätzt werden, vor allem nicht im kulturellen Kontext Japans. Öffentlich hinterfragte Akihito jedoch nie kritisch die Rolle seines Vaters, der als Oberbefehlshaber die Hauptverantwortung für Japans Verbrechen im Zweiten Weltkrieg trug. Diese widersprüchliche Haltung Akihitos, gleichzeitig eine aufrichtige, selbstkritische Vergangenheitsbewältigung zu fordern und über die Verantwortung der eigenen Familie zu schweigen, merkte bereits Herbert Bix in seiner mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Hirohito-Biographie vor knapp 20 Jahren kritisch an.[4] Seitdem hat sich zu wenig geändert. Nach wie vor mangelt es Akihitos Sicht auf die Kriegsvergangenheit des Kaiserhauses an ehrlicher Reflexion und Aufarbeitung.

Selbstkritische Aufarbeitung

Wohl auch deshalb wurde Kronprinz Naruhito 2015 landesweit große Aufmerksamkeit zuteil, als er öffentlich die korrekte Darstellung und Weitergabe der japanischen Kriegsgeschichte an die Nachkriegsgenerationen forderte.[5]

Mit dem Thronwechsel und Naruhito als dem ersten in der Nachkriegszeit geborenen Kaiser bietet sich nun die Chance, einen selbstkritischeren Pfad nationaler Vergangenheitsbewältigung und Aufarbeitung der Weltkriegsgeschichte zu begehen. Naruhito hat angekündigt, den von seinem Vater beschrittenen Weg fortzuführen. Um die kaiserlichen Pflichten als Staatssymbol zu erfüllen, wolle er dabei wie seine Eltern die Nähe zum Volk und zur Öffentlichkeit suchen. Durch eine mit Nachdruck geäußerte Wiederholung seines 2015 formulierten Appells – unter möglichst klarer und offener Benennung japanischer Kriegsgräuel – könnte Naruhito im eigenen Land zudem eine kritisch geführte, öffentliche Debatte über Japans Kriegsvergangenheit anstoßen. Denn in seiner neuen Rolle als Kaiser kommt ihm mehr Gewicht in der Öffentlichkeit und in elitären Kreisen zu. Dazu passt, dass der Kaiser in spe auch betont, das Kaisertum weiter modernisieren und an den „Wandel der Zeit“ anpassen zu wollen.

Gegengewicht zu den Nationalkonservativen

Dabei wäre nichts moderner als ein erneuter, offener Appell zur Aufarbeitung der Geschichte, der klar über die symbolischen Worte und Gesten nationalen Trauerns und Totengedenkens seines Vaters hinausgeht. Damit könnte Naruhito innerhalb der Grenzen, die die Verfassung seiner Funktion setzt, zumindest indirekt neue Weichen für Japans Vergangenheits- und Nachbarschaftspolitik stellen: Denn eine wirklich kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit würde auch zur Entschärfung der nach wie vor schwelenden (territorialen) Konflikte mit Japans Nachbarländern beitragen – und so ein stärkeres Zusammenrücken der ostasiatischen Staaten ermöglichen. Im Umgang mit seinen Nachbarn täte Japan gut daran, sich auch die Bundesrepublik Deutschland und ihre Politik der Vergangenheitsbewältigung und Aussöhnung zum Beispiel zu nehmen.

Zugleich würde sich Naruhito mit einem derartigen Appell noch deutlicher von nationalistisch-rechtskonservativen Kreisen distanzieren und in der Öffentlichkeit in noch stärkerem Maße als sein Vater Akihito einen Gegenpol zum amtierenden Premierminister Abe Shinzō bilden. Letzterem ist bekanntlich wenig an einer kritischen Auseinandersetzung mit Japans Weltkriegsgeschichte gelegen: Der Premier schweigt weitestgehend über die Verantwortung seines Großvaters Kishi Nobusuke. Dabei war Kishi zu Kriegszeiten in leitender Funktion an der Ressourcenausbeutung von Japans Marionettenstaat Mandschukuo beteiligt. Und als Minister im Kriegskabinett votierte er später unter anderem für den Waffengang gegen die USA und Großbritannien. Die Toleranz gegenüber dem Totschweigen der Vergangenheit könnte unter Naruhito also bald Geschichte sein.

Dafür sollte Naruhito nun aber als Japans neuer Regent den Mut aufbringen, endlich mit der Aufarbeitung seiner eigenen Familiengeschichte zu beginnen, besonders mit der Rolle seines Großvaters Hirohito im Zweiten Weltkrieg. Denn zur selbstkritischen Aufarbeitung nationaler Kriegsgeschichte gehören in Japan eben auch eine ehrliche, schonungslose Hinterfragung und ergebnisoffene, kritische Bewertung der Rolle des Kaiserhauses, vorneweg der Verantwortlichkeit Hirohitos im Zweiten Weltkrieg. Naruhitos eigenem Appell nach geschichtstreuer Darstellung und Überlieferung der Kriegsvergangenheit Japans müssen nun also Taten folgen. Naruhito wird sich und seine Amtszeit als Kaiser daran messen lassen müssen.


[1] Vgl. zu Japans Gefallenenkult in der Nachkriegszeit: Tino Schölz, „Die Gefallenen besänftigen und ihre Taten rühmen“: Gefallenenkult und politische Verfasstheit in Japan seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, Berlin 2016, S. 235 ff.

[2] Siehe die Reden im Originalwortlaut auf der offiziellen Webseite des Kaiserhauses auf www.kunaicho.go.jp. 

[3] Vgl. Satoru Kihara und Satoko Oka Norimatsu, Political Agenda Behind the Japanese Emperor and Empress’ ‘Irei’ Visit to the Philippines, in: „The Asia-Pacific Journal”, 5/2016, S. 1.

[4] Vgl. Herbert P. Bix, Hirohito and the making of modern Japan, New York 2001, S. 687.

[5] Siehe Naruhitos Worte im Original auf www.huffingtonpost.jp, 23.2.2015.

(aus: »Blätter« 5/2019, Seite 17-20)
Themen: Asien, Geschichte und Krieg und Frieden

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