Europa im freien Fall | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Europa im freien Fall

von Achim Engelberg

Soeben hat Ian Kershaw seine weitverzweigte, zweibändige Geschichte unseres Kontinents vollendet. Sie ist für ein breites internationales Publikum geschrieben und umfasst die Zeit vom Beginn des Ersten Weltkrieges bis ins Jahr 2017. Bis kurz vor der Zielgerade bleibt sie ein Meisterwerk eines liberalen Geistes.

Aber der Reihe nach: Im ersten Band, „Höllensturz. Europa 1914 bis 1949“, bleibt der emeritierte Historiker der Universität Sheffield auf dem Gebiet seiner Forschung, die spätestens mit seiner monumentalen Hitler-Biographie eine breite Leserschaft gefunden hat. In jenem Auftaktband schildert er in zehn anschaulichen Kapiteln die Geschichte der Selbstzerstörung Europas. Dabei bändigt Kershaw die schiere Fülle seines Materials, indem er analytisch die Hauptelemente dieser Epoche herausarbeitet: von der „explosionsartigen Ausbreitung eines ethnisch-rassistischen Nationalismus“ über „erbitterte und unversöhnliche territoriale Revisionsforderungen“ und einen „akuten Klassenkonflikt, der mit der bolschewistischen Revolution in Russland einen konkreten Schwerpunkt erhielt“, bis hin zur „langanhaltenden Krise des Kapitalismus (die viele Beobachter für letal hielten)“.

Im zweiten, nun auf Deutsch erschienenen Band, „Achterbahn. Europa 1950 bis heute“, widmet sich der 1943 geborene Brite seiner Erlebniszeit. Dabei schildert Kershaw auch eigene Erfahrungen und illustriert damit etwa, wie spät der Mord an den europäischen Jüdinnen und Juden in den Fokus der Geschichtsbetrachtung und ins Zentrum der Selbstanalyse Westeuropas rückte. So nahm Kershaw noch 1979 an einer großen Konferenz über den NS-Staat teil, ohne dass auch nur „eine Studie über den Holocaust vorgestellt wurde. Nur wenige Jahre später wäre dies undenkbar gewesen.“

Anders als im ersten Band fehlen die herausragenden Themen: Das Zeitalter gibt sie schlicht nicht her, es ähnelt mehr einer Achterbahn. Die Titelmetapher schränkt Kershaw jedoch insofern ein, als es keinen festen Schienenstrang gibt, auf dem sich die Ereignisse bewegen. Doch erfasse dieses Bild „die Wechselhaftigkeit, die atemberaubenden Augenblicke und das Gefühl, von unbeherrschbaren Kräften mitgerissen zu werden“. Passend dazu stellt der Historiker einem Kapitel ein Zitat von Jean-Paul Sartre aus dem Jahr 1951 voran: „Ich bin keiner Sache mehr gewiss.“

Ian Kershaw eignet eine großartige Weite des Blickes, sein Stil ist vom Willen zur Genauigkeit beseelt. Stets wird berichtet, was von einer Tat zu wissen ist und wie sie wirkte. Über die RAF-Terroristen in Stammheim beispielsweise heißt es nicht, sie begingen 1977 Suizid, sondern: „Offiziellen Untersuchungen zufolge – an denen viele zweifelten – hatte zwischen ihnen ein Selbstmordpakt bestanden.“ Kershaw bevorzugt technische Ausdrücke für eine Ära, in der Warhol The Factory gründete, Pink Floyd „Welcome To The Machine“ sangen und Heiner Müller die „Hamletmaschine“ schrieb. Anstelle des allbekannten Ausdrucks Tauwetter für die Ära nach Stalins Tod im Jahr 1953 benutzt er die Metapher des Schraubstocks: Dieser kann gelockert oder fester gezogen werden, das festgehaltene Objekt aber bleibt gleich.

Häufig kommt Kershaw auf die unverzichtbare Rolle von Einzelnen zu sprechen, die aber von der Macht der Massen unterstützt werden müssen, um dauernde Resultate zu erreichen. Oft verdeutlicht der Historiker dies in vergleichender Perspektive, etwa wenn er den Gegensatz zwischen Michail Gorbatschow und Deng Xiaoping beschreibt: Der russische Revolutionär von oben kritisierte den chinesischen Politiker als naiv, der asiatische Reformer wiederum hielt den sowjetischen Präsidenten für einen Idioten. Doch während der russische Ikarus abstürzte, steuern die Nachfahren des chinesischen Dädalus das Staatsschiff bis heute – mit teilweise beängstigenden Resultaten.

Allgegenwärtige Krisen

Was unterscheidet Ian Kershaws Geschichte Europas von anderen? Was macht sie zu einer Ausnahmeerscheinung? Erhellend bleibt dabei der Vergleich mit Büchern britischer Historiker, die ebenso für ein internationales Publikum schrieben. Als Zeitzeuge und großer Historiker bleibt für Kershaw sein älterer Kollege Eric Hobsbawm (1917 bis 2012) eine Referenz. Dessen Werk „Das Zeitalter der Extreme“ enthält trotz aufschlussreicher Abschnitte zur Welt jenseits unseres Kontinents einen starken europäischen Kern. Schon die Dreiteilung des Buches – „Das Katastrophenzeitalter“, „Das Goldene Zeitalter“, „Der Erdrutsch“ – lässt das erkennen. Selbstverständlich erwähnt Hobsbawm etwa die Hungersnöte und die Kulturzerstörung im China der Mao-Zeit, aber sie passen so gar nicht zur Periodisierung einer goldenen Ära.

Hier ist Ian Kershaw konziser: Er beleuchtet die außereuropäische Welt nur in Bezug auf Europa, das tut er allerdings häufig. Schließlich schildert er die Ära des Kalten Krieges mit seinen zwei großen Machtzentren USA und Sowjetunion, und auch die Entkolonialisierung lenkt seinen Blick über die Grenzen des Kontinents. Er betrachtet zudem unsere Epoche der Verkettung, die sich in der Welt seit 1990 entfaltet und in der Digitalisierung ihren bislang deutlichsten Ausdruck gefunden hat. Anders als bei Hobsbawm gibt es bei Kershaw keinen harten Epochenbruch, auf den das Buch orientiert ist.

Als herausragend bezeichnet Ian Kershaw die im englischen Original 2005 erschienene „Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart“. Sie machte ihren Verfasser Tony Judt (1948 bis 2010) auch jenseits der Zunft bekannt und endet optimistisch: „Was vor sechzig Jahren kaum jemand vorhergesagt hätte – das 21. Jahrhundert könnte das Jahrhundert Europas werden.“ Heute kann man mit Heiner Müller sarkastisch antworten, dass Optimismus nur ein Mangel an Information sei. Aber genau gelesen gibt es in Judts Epilog Ambivalenzen, denn die EU ist für ihn eine Antwort auf die Geschichte, kann diese aber nicht ersetzen. Kershaw hingegen konnte, anders als Judt, die jüngste turbulente Zeit in sein Werk einfließen lassen, mit ihren multiplen Krisen, der Rückkehr des Krieges nach Europa, dem Aufstieg illiberaler Mächte sowie dem Sterben der Flüchtlinge an den Grenzen und ihrer verstärkten Ankunft. Angesichts dieser Steinschläge der Geschichte endet Kershaw vorsichtiger, zurückhaltender als Judt: „Das Europa von 2017 befand sich in einem fragilen Zustand und war in eine vermutlich lange Phase einer Ungewissheit und Unsicherheit eingetreten, wie es sie seit der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben hatte.“

Die heutige Politik Deutschlands beurteilt er dabei bisweilen zu positiv. Ob das daran liegt, dass sich seine bisherigen bahnbrechenden Werke mit der Nazidiktatur befassten, kann hier nur vermutet werden. Sein Schlusskapitel bleibt jedenfalls unentschieden. Wenn Kershaw beispielsweise schreibt, dass Yanis Varoufakis‘ Forderung nach einem weitreichenden Schuldenerlass für Griechenland „letztlich sicherlich nötig sein wird“, dann muss er die maßgeblich von Wolfgang Schäuble und Angela Merkel verfolgte Europapolitik schärfer kritisieren. Ähnliches gilt für Russland: Ja, Wladimir Putin ließ die Ukraine angreifen – aber reagierte er damit nicht auch auf ein geopolitisches großes Spiel? Und ist es dann nicht doch verkürzt, allein von „Putins Aggression“ zu sprechen?

Gerade angesichts der allgegenwärtigen Krisen, vor allem aber angesichts der jüngsten Forderungen der Jugend, die Klimakatastrophe einzudämmen, wirkt Eric Hobsbawms Schluss von 1994 – also von vor genau einem Vierteljahrhundert – heute scharf und aktuell. Seinerzeit galt diese Passage einigen als die Meinung eines von der Zeit überholten alten weißen Mannes, doch seine Enkel und Urenkel können sie angesichts vielfältiger destruktiver Kräfte mühelos verstehen: Ohne grundlegende Veränderungen – so Hobsbawm – drohe Implosion und Explosion, und dann folgt sein geradezu alttestamentarischer Schlusssatz: „Und der Preis für dieses Scheitern, die Alternative zu einer umgewandelten Gesellschaft, ist Finsternis.“

Demgegenüber kommt Ian Kershaws Geschichte Europas von 1914 bis 2017 gefälliger daher. Doch vermeidet er einige kompositorische Fehler Hobsbawms – und bietet nicht nur deswegen eine überaus lohnende, ja maßstabsetzende Lektüre.

Ian Kershaw: Achterbahn. Europa 1950 bis heute. Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt, DVA, München 2019, 832 S., 38 Euro.

(aus: »Blätter« 5/2019, Seite 121-123)
Themen: Geschichte, Europa und Krieg und Frieden

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