Modis Indien oder: Die Schriftstellerin als Staatsfeindin | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Modis Indien oder: Die Schriftstellerin als Staatsfeindin

imago images / Hindustan Times Foto: imago images / Hindustan Times

von Arundhati Roy

Ich fühle mich sehr geehrt, die diesjährige „Arthur Miller Freedom to Write Lecture“ des PEN America halten zu dürfen. Hätten Arthur Miller und ich derselben Generation angehört und wäre ich US-Bürgerin gewesen, so wären wir uns wohl bei einer Vorladung vor das Komitee für unamerikanische Umtriebe in die Arme gelaufen. In Indien verfüge ich jedenfalls über untadelige Referenzen: Mein Name rangiert weit oben auf der A-Liste der „Anti-Nationalen“ – und zwar nicht, weil er mit einem A beginnt. Diese Liste ist inzwischen so lang, dass sie bald die Liste der Patrioten übertreffen dürfte.

In letzter Zeit gilt man ziemlich schnell als anti-national: Wer nicht für Premierminister Narendra Modi stimmt, ist Pakistaner. Es wäre interessant zu wissen, was Pakistan über seine derart wachsende Bevölkerung denkt.

Hier sind wir nun im legendären Harlem, im Apollo-Theater, dessen Mauern überwältigende Musik gehört und vielleicht heimlich gespeichert haben. Sie summen wahrscheinlich vor sich hin, wenn niemand zuhört. Ein bisschen Aretha Franklin, etwas James Brown, ein Riff von Stevie Wonder oder Little Richard. Könnte es einen besseren Ort geben als diese geschichtsträchtige Halle, um gemeinsam über den Platz der Literatur nachzudenken, zu diesem Zeitpunkt, da sich eine Ära dem Ende zuneigt, die wir zu verstehen glauben?

Nun, da die Polkappen schmelzen, die Ozeane sich erhitzen und die Wasserspiegel fallen, da wir dieses empfindliche Netz der gegenseitigen Abhängigkeit zerschneiden, das das Leben auf der Erde erhält, da unsere überragende Intelligenz uns dazu bringt, die Grenzen zwischen Mensch und Maschine zu verwischen und da unsere noch überragendere Hybris unsere Fähigkeit untergräbt, das Überleben unseres Planeten mit unserem Überleben als Spezies zu verknüpfen, da wir Kunst durch Algorithmen ersetzen und in eine Zukunft blicken, in der die meisten Menschen für wirtschaftliche Aktivitäten nicht mehr benötigt werden könnten – gerade in einer solchen Zeit wissen wir um die sicheren Hände von Anhängern einer weißen Vorherrschaft im Weißen Haus, von neuen Imperialisten in China, von Neonazis, die sich erneut in den Straßen Europas zusammenballen, von Hindu-Nationalisten in Indien und von jeder Menge Schlächter-Prinzen und geringeren Diktatoren in anderen Ländern, auf dass sie alle uns ins Ungewisse führen. Als viele von uns träumten, dass „eine andere Welt möglich“ sei, träumten diese Leute das auch. Und es ist ihr Traum – unser Albtraum –, der gefährlich kurz vor seiner Verwirklichung steht. Während wir also in diesem Blitzkrieg aus Idiotie, Facebook-Likes, faschistischen Aufmärschen, Fake-News-Schlägen und etwas, das nach einem Rennen in den Untergang aussieht, der Zukunft entgegentaumeln – welchen Platz hat da die Literatur?

Was gilt überhaupt als Literatur? Und wer entscheidet das? Offensichtlich gibt es auf diese Fragen keine einzelne, erbauliche Antwort. Sie mögen also entschuldigen, wenn ich über meine eigenen Erfahrungen als Schriftstellerin in diesen Zeiten spreche – über das Ringen mit der Frage, wie man in diesen Zeiten eine Schriftstellerin sein kann, vor allem in einem Land wie Indien, das in mehreren Jahrhunderten zugleich lebt.

Frühe Kämpfer gegen den Klimawandel

Vor einigen Jahren saß ich in einem Bahnhof und las Zeitung, während ich auf meinen Zug wartete. Ich stieß auf einen kleinen Bericht über zwei Männer, die unter dem Vorwurf verhaftet worden waren, sie seien Kuriere der verbotenen, im Untergrund aktiven Kommunistischen Partei Indiens (Maoisten). Unter den „Gegenständen“, die bei den Männern sichergestellt worden waren, befanden sich, so hieß es in dem Bericht, „einige Bücher von Arundhati Roy“. Wenig später traf ich eine College-Dozentin, die viel Zeit darauf verwandte, Rechtsbeistand für inhaftierte Aktivisten zu organisieren, darunter viele junge Studierende und Dorfbewohner, die man wegen „anti-nationaler Aktivitäten“ verhaftet hatte. Das bedeutete zumeist, dass sie gegen kommerzielle Bergbau- und Infrastrukturprojekte protestiert hatten, die Zehntausende von ihrem Land und aus ihren Häusern vertreiben. Sie erzählte mir, dass in verschiedenen „Geständnissen“ dieser Gefangenen – die üblicherweise unter Zwang zustande kamen – meinen Schriften oft der Verdienst zukam, sie weiter „auf Abwege“ zu führen, wie die Polizei das nennt. „Sie legen eine Fährte – um einen Fall gegen Dich zu konstruieren“, sagte mir die Dozentin.

Die fraglichen Schriften waren nicht meine Romane (damals hatte ich nur „Der Gott der kleinen Dinge“ geschrieben), sondern meine Sachbücher. Allerdings handelt es sich bei diesen in gewisser Weise auch um Geschichten, eine andere Art von Geschichten, aber dennoch Geschichten. Es sind Geschichten über den massiven Angriff der Konzerne auf Wälder und Flüsse, auf Saat und Korn, auf Land und Bauern, auf Arbeitsrechte und die Politik. Und über die Angriffe von USA und Nato auf ein Land nach dem anderen im Gefolge des 11. September. Zumeist sind es Geschichten über Menschen, die sich gegen diese Angriffe wehren – konkrete Geschichten über konkrete Flüsse und Berge, konkrete Firmen und konkrete Protestbewegungen, die alle ganz konkret zerschlagen wurden. Es geht um die wahren Kämpfer gegen den Klimawandel, lokale Menschen mit einer globalen Botschaft, die die Krise schon verstanden hatten, bevor sie als solche anerkannt wurde. Und doch wurden sie ständig als Schurken dargestellt – das anti-nationale Hindernis für Fortschritt und Entwicklung. Ein früherer indischer Premierminister, ein Evangelist des freien Marktes, nannte die Guerillas – zumeist Adivasi-Indigene, die in den zentralindischen Wäldern gegen Bergbaukonzerne kämpfen – das „größte innere Sicherheitsproblem“. Unter dem Namen „Operation grüne Jagd“ wurde ihnen der Krieg erklärt. Die Wälder wurden mit Soldaten geflutet, deren Feinde die ärmsten Menschen der Welt waren. Das war vielerorts nicht anders – in Afrika, Australien, Lateinamerika.

Und nun – welche Ironie – entsteht ein Konsens, dass der Klimawandel das größte Sicherheitsproblem der Welt ist. Zunehmend wird er in einer militärischen Sprache verhandelt. Und zweifellos werden seine Opfer sehr bald zu „Feinden“ in einem neuen, endlosen Krieg.

Die gut gemeinten Forderungen, einen „Klimanotstand“ auszurufen, könnten einen Prozess beschleunigen, der bereits begonnen hat. Schon jetzt gibt es Druck, die Debatte von der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen in den UN-Sicherheitsrat zu verlagern – mit anderen Worten: den größten Teil der Welt auszuschließen und die Entscheidungsfindung wieder den üblichen Verdächtigen zu übertragen. Wieder einmal wird der Globale Norden – der das Problem verursacht hat – dafür sorgen, dass er von der Lösung, die er vorschlägt, auch profitiert. Eine Lösung, deren Geist zweifellos tief im Herzen des „Marktes“ liegen wird und in mehr Kaufen und Verkaufen, mehr Konsum und mehr Profiten für immer weniger Menschen bestehen wird. Mit anderen Worten: mehr Kapitalismus.

Eine Literatur, die schützt

Als meine Essays zuerst veröffentlicht wurden (erst in Massenblättern, dann im Internet und schließlich in Buchform), betrachtete man sie überaus misstrauisch, zumindest in bestimmten Kreisen, die oft nicht einmal unbedingt meine politische Haltung ablehnten. Meine Schriften standen quer zu dem, was konventionell als Literatur gilt. Die Ablehnung war also verständlich, vor allem unter jenen, denen Systematik viel bedeutet. Sie wussten nicht, was genau diese Texte sein sollten: Pamphlet oder Polemik, wissenschaftliches oder journalistisches Schreiben, Reisebericht oder bloßes literarisches Abenteurertum? Für einige zählte es nicht mal als Schreiben: „Oh, warum haben Sie mit dem Schreiben aufgehört? Wir warten auf Ihr nächstes Buch?“ Andere malten sich aus, ich wäre nur eine Miet-Feder. Ich erhielt alle Art von Angeboten: „Darling, ich mochte dieses Stück, dass Du über die Dämme geschrieben hast, könntest Du mir eins über Kindesmissbrauch schreiben?“ (Das tat ich dann tatsächlich.) Ich wurde streng belehrt (zumeist von Männern einer höheren Kaste), wie ich schreiben sollte, welche Themen ich wählen und welchen Ton ich anschlagen sollte.

Aber an anderen Orten, nennen wir sie die Orte abseits der Autobahnen, wurden die Essays schnell in andere indische Sprachen übersetzt, als Pamphlete gedruckt und kostenlos verbreitet: in Wäldern und Flusstälern, in bedrohten Dörfern und an den Unis, wo die Studierenden nicht länger belogen werden wollten. Denn diese Leser, da draußen an der Front, die das Lauffeuer schon versengt hatte, verfügten über eine ganz andere Vorstellung darüber, was Literatur ist oder sein sollte. Ich erwähne das, weil es mich gelehrt hat, dass der Platz der Literatur von Schriftstellern und Lesern gebaut wird. Dieser Platz ist in gewisser Weise fragil, aber unzerstörbar: Wenn er zerbrochen ist, bauen wir ihn wieder auf. Weil wir Schutz brauchen. Ich mag die Vorstellung von einer Literatur, die gebraucht wird, sehr gerne. Eine Literatur, die Schutz bietet. Alle Arten von Schutz.

Mit der Zeit landete man bei einem unausgesprochener Kompromiss: Ich wurde eine „Schriftsteller-Aktivistin“ genannt. Diese Kategorie implizierte, dass meine Literatur nicht politisch und meine Essays nicht literarisch seien.

Einmal saß ich in einem Hörsaal eines Colleges in Hyderabad vor einem Publikum aus fünf- oder sechshundert Studierenden. Zu meiner Linken saß der Gastgeber der Veranstaltung, der Vizekanzler der Universität, und zu meiner Rechten ein Professor für Poetik. Der Vizekanzler flüsterte mir ins Ohr: „Sie sollten keine Zeit mehr auf Literatur verwenden. Konzentrieren Sie sich auf die politischen Schriften.“ Der Poetik-Professor flüsterte: „Wann fangen Sie wieder mit der Literatur an? Das ist Ihre wahre Berufung. Ihr anderes Zeug ist bloß ephemer.“ Ich habe Literatur und Sachtexte nie als gegnerische Fraktionen begriffen, die um die Oberhoheit kämpfen. Sie sind sicherlich nicht dasselbe, aber den Unterschied zwischen ihnen auf den Punkt zu bringen, ist schwerer, als ich dachte. Sachtexte und Literatur sind keine strikten Gegensätze. Die einen sind nicht notwendigerweise wahrer, faktenreicher oder realer als die anderen. Ich kann nur sagen, dass ich den Unterschied beim Schreiben körperlich spüre.

Als ich zwischen den beiden Professoren saß, genoss ich ihre widersprüchlichen Ratschläge. Ich lächelte und dachte an die erste Nachricht, die ich von John Berger erhalten hatte. Es handelte sich um den schönen handgeschriebenen Brief eines Schriftstellers, der schon seit Jahren mein Held war: „Deine Literatur und Deine Sachtexte, sie tragen Dich über die Welt wie Deine zwei Beine.“ Damit war der Konflikt für mich beigelegt.

Das Netzwerk der Hindu-Nationalisten

Welcher Fall da auch immer gegen mich konstruiert wurde, er hat – zumindest bis jetzt – keine Früchte getragen. Ich bin immer noch hier, auf meinen zwei Schreib-Beinen und spreche zu Ihnen. Aber die befreundete Dozentin sitzt im Gefängnis, unter dem Vorwurf, sie habe sich an anti-nationalen Aktivitäten beteiligt. Indiens Haftanstalten sind bis oben hin voll mit politischen Gefangenen – meist unter der Beschuldigung, sie seien wahlweise Maoisten oder islamistische Terroristen. Diese Begriffe sind so allgemein definiert, dass sie beinahe jeden umfassen, der nicht mit der Regierung übereinstimmt.

Vor den jüngsten Wahlen wurden Lehrer, Anwälte, Aktivisten und Schriftsteller verhaftet, weil sie sich angeblich verschworen hatten, Premierminister Modi zu ermorden. Die vermeintliche Verschwörung klingt so aberwitzig, dass ein Sechsjähriger es hätte besser machen können. Die Faschisten sollten ein paar gute Literaturschreibkurse besuchen.

Laut Reporter ohne Grenzen ist Indien weltweit das fünftgefährlichste Land für Journalisten und steht damit nur hinter Afghanistan, Syrien, dem Jemen und Mexiko. An dieser Stelle muss ich dem PEN für die Arbeit danken, die er zum Schutz von Schriftstellern und Journalisten leistet, die inhaftiert, verfolgt und zensiert wurden. Von einem Tag auf den anderen könnte jeder von uns ins Schussfeld geraten. Das Wissen um eine Organisation, die nach uns schaut, ist ein Trost.

In Indien zählen die Inhaftierten noch zu den Glücklichen. Die weniger Begünstigten sind tot. Gauri Lankesh, Narendra Dabholkar, MM Kalburgi und Govind Pansare, allesamt Kritiker der hinduistischen extremen Rechten, wurden ermordet. Und das waren die bekannten Morde. Eine Menge anderer Aktivisten, die den Right to Information Act nutzten, um massive Korruptionsskandale aufzudecken, wurden getötet oder unter verdächtigen Umständen tot aufgefunden. In den vergangenen fünf Jahren hat sich Indien als Land des Lynchens hervorgetan. Dalits – die „Unberührbaren“ im indischen Kastensystem – und Muslime wurden von Hindu-Mobs öffentlich ausgepeitscht und am helllichten Tage zu Tode geprügelt. Die „Lynch-Videos“ wurden dann fröhlich bei YouTube hochgeladen. Die Gewalt ist unverhohlen, offen und ganz sicher nicht spontan. Obschon die Gewalt gegen Muslime nicht neu und die Gewalt gegen Dalits sogar uralt ist, haben diese Lynchmorde doch eine klare ideologische Untermauerung.

Die Lyncher wissen, dass sie von höchsten Stellen geschützt werden, nicht nur von Regierung und Premierminister, sondern vor allem von der Organisation, die beide kontrolliert: der rechtsextremen, protofaschistischen Rashtriya Swayam Sevak Sangh (RSS), der geheimsten und mächtigsten Organisation in Indien. Die Ideologen, die sie 1925 begründet haben, waren stark beeinflusst vom europäischen Faschismus. Sie lobten offen Hitler und Mussolini und verglichen die indischen Muslime mit den deutschen Juden. Die RSS arbeitet seit 95 Jahren ununterbrochen daran, dass Indien sich formal zur Hindu-Nation erklärt. Als ihre Feinde bezeichnet sie Muslime, Christen und Kommunisten.

Die RSS betreibt eine Schattenregierung, die mit zehntausenden Shakhas (Zweigen) und anderen ideologisch angeschlossenen Organisationen unter anderen Namen – die teils erstaunlich gewalttätig sind – im ganzen Land operiert. Traditionell wird die RSS von einer Brahmanen-Sekte von der Westküste kontrolliert, den Chitpavan-Brahmanen. Heute umkreisen sie zudem Anhänger einer weißen Vorherrschaft und Rassisten aus den USA und Europa, die das jahrhundertealte Kastenwesen des Hinduismus loben. Genauer gesagt geht es dabei um den Brahmanismus, ein brutales System von gesellschaftlicher Hierarchie, das diese Amerikaner und Europäer für seine ausgeklügelte, institutionalisierte Grausamkeit beneiden und das seit dem Altertum mehr oder weniger intakt überdauert hat.

Der Brahmanismus hat aber auch Anhänger, von denen man es am wenigsten erwartet hätte. Einer von ihnen – es wird Sie betrüben, das zu hören – ist Mahatma Gandhi, der das Kastenwesen für den „Geist“ der Hindugesellschaft hielt. Ich habe in meinem Buch „The Doctor and The Saint“ ausführlich über Gandhis Haltung zu Kaste und Ethnie geschrieben, daher werde ich dieses Thema jetzt nicht vertiefen. Nur so viel: Bei einer Rede auf einer Missionarskonferenz in Madras 1916 sagte er: „Die enorme Organisation der Kaste antwortete nicht nur auf die religiösen Bedürfnisse der Gemeinschaft, sondern sie beantwortete auch ihre politischen Erfordernisse. Die Dorfbewohner regelten ihre Angelegenheiten über das Kastensystem, und mit seiner Hilfe reagierten sie auf Unterdrückung seitens der herrschenden Mächte. Man kann nicht die Organisationsfähigkeiten einer Nation bestreiten, die das Kastensystem und seine wundervolle Organisationsmacht hervorbringen konnte.“

Überwachungskapitalismus auf Indisch

Heute rühmt sich die RSS einer ausgebildeten Miliz mit 600 000 Mitgliedern, die sich selbst Swayam-Sevaks (Freiwillige) nennen und zu denen der Premierminister und der Großteil seines Kabinetts gehören. Die herrschende Bharatiya Janata Party (BJP) agiert als parlamentarische Abteilung der RSS, der ihr Generalsekretär Ram Madhav angehört. Viele indische und internationale Journalisten sowie viele selbst ernannte Säkulare und Liberale in Indien bestehen darauf, dass die BJP eine unabhängige Einheit sei, eine gewöhnliche rechte, konservative Partei. Sie bagatellisieren unfreiwillig oder vorsätzlich die organische Verbindung der BJP zur RSS – und haben ihr damit den Weg zur Macht geebnet.

Modis politische Karriere begann zufälligerweise (oder vielleicht auch nicht) nur zwei Wochen nach dem 11. September, als er zum Chief Minister von Gujarat ernannt wurde, obwohl er nicht dem dortigen Parlament angehörte. Wenige Monate später kam es unter seinen Augen in Gujarat zu einem Pogrom gegen Muslime, bei dem am helllichten Tag 2000 Menschen ermordet wurden. Kurz darauf rief er Neuwahlen aus, die er gewann. Bei einer großen Zusammenkunft von Geschäftsleuten und Industriellen in Gujarat unterstützten ihn die CEOs von einigen der größten indischen Unternehmen offen als ihren künftigen Kandidaten für das Amt des Premierministers. Faschismus und Kapitalismus legten das Ehegelübde in einer ziemlich lauten Zeremonie ab und zogen zusammen. Nach drei Legislaturperioden als Chief Minister von Gujarat wurde Modi 2014 zum indischen Premierminister gewählt. Liberale Kommentatoren begrüßten ihn wie einen Helden. Weltweit umarmte er globale Spitzenpolitiker – und wurde von ihnen umarmt. Darunter waren Barack Obama und Emmanuel Macron. Und natürlich Donald Trump, aber das kann nicht überraschen. Niemand von ihnen ist unwissend, wer Modi wirklich ist, aber sie alle haben etwas auf seinem „Markt“ von über einer Milliarde Menschen zu verkaufen.

Eine weitere gefährliche Entwicklung zeigte sich jüngst in einer öffentlichen Rede von Maneka Gandhi, die Modis Kabinett angehört. Sie sagte, Dörfer würden danach klassifiziert, in welchem Maß sie für die BJP gestimmt hätten. Dann werde man sie belohnen oder bestrafen, indem man ihnen Gelder zuteilen oder vorenthalten werde, und zwar im Verhältnis zu ihrer Loyalität. Sie ist keineswegs die einzige, die offen suggeriert, dass die Partei wisse, wer für sie gestimmt habe und wer nicht. Und dass die Vergeltung auf dem Fuße folge. Und sie ist keineswegs die erste, die andeutet, dass politische Parteien auf Daten aus einer vorgeblich geheimen Wahl zugreifen können – Daten, die sie auf gefährliche Weise zu ihrem Vorteil nutzen können, wobei sie Wahlen und die Demokratie an sich untergraben. In der Ära des Überwachungskapitalismus werden einige wenige Menschen alles über uns wissen und diese Information nutzen, um uns zu kontrollieren.

Indien kämpft um seine Seele. Die RSS ist wie ein Chamäleon und bewegt sich auf Millionen von Beinen. Sie kann bei Bedarf ihre Farbe wechseln und eine Maske der Vernunft und Inklusivität tragen. Sie hat bewiesen, dass sie im Untergrund ebenso funktioniert wie im Offenen. Sie ist eine geduldige, hart arbeitende Bestie, die sich einen Weg in jede Institution des Landes gegraben hat: Gerichte, Universitäten, Medien, Sicherheitskräfte, Geheimdienste. Vieles davon ist seit Jahren Teil meiner Schriften, in Literatur wie in Sachtexten.

Das unantastbare Kastensystem

Mein Roman „Der Gott der kleinen Dinge“, der im Sommer 1997 erschien, resultierte aus der Suche nach Sprache und Form, um die Welt, in der ich aufgewachsen bin, mir selbst und meinen Liebsten zu beschreiben, denen Kerala teils völlig unbekannt war. Ich hatte Architektur studiert, Drehbücher verfasst, und jetzt wollte ich einen Roman schreiben. Einen Roman, der nur ein Roman sein konnte – kein Roman, der in Wirklichkeit ein Film oder ein Manifest oder eine Art soziologischer Abhandlung sein wollte. Ich war erstaunt, als einige Kritiker es als Werk des magischen Realismus beschrieben. Wie konnte das sein? Der Schauplatz des Buches ist mir eine harte Realität: das alte Haus auf dem Hügel in Ayemenem, die Konservenfabrik meiner Großmutter, in der ich aufwuchs (ich habe immer noch einige Gläser und Etiketten), der Meenachal-Fluss. Westlichen Kritikern erschien das exotisch und magisch. Na gut. Aber ich behalte mir das Recht vor, so über New York und London zu denken.

Zu Hause in Kerala war die Rezeption ziemlich unmagisch. Die Kommunistische Partei Indiens (Marxisten), die Kerala seit 1959 immer mal wieder regierte, war aufgebracht, weil sie in dem Buch eine Kritik an der Partei entdeckt haben wollte. Ich wurde als Anti-Kommunistin abgestempelt, als eine weinende-redende-schlafende-wandelnde imperialistische Verschwörung.

Es stimmt schon, ich war kritisch. Und die Spitze meiner Kritik war, dass die Linke, also die verschiedenen kommunistischen Parteien Indiens, nicht nur eine undurchsichtige Haltung gegenüber dem Kastenwesen einnahm, sondern es zumeist unverhohlen unterstützte. Daher rief die grenzüberschreitende Beziehung im Roman zwischen Ammu (einer syrisch-orthodoxen Christin) und Velutha (einem Dalit) Bestürzung hervor. Dies lag ebenso sehr an meinem Umgang mit dem Kastenwesen wie mit Geschlechterrollen. Die Darstellung der Beziehung eines der Hauptcharaktere, Genosse K.N.M. Pillai, zu seiner Frau Kalyani sowie die von Ammu, einer geschiedenen Frau, die „die unendliche Zärtlichkeit der Mutterschaft mit der rücksichtslosen Wut einer Selbstmordattentäterin verband“, „die nachts jenen Mann liebte, den ihre Kinder bei Tage liebten“ stieß nicht auf Applaus und Hallelujas. Fünf Anwälte reichten gemeinsam Klage gegen mich ein, in der sie mich der Obszönität und der „Verletzung der öffentlichen Moral“ beschuldigten.

Dazu kamen Dinge, die mit dem Roman nichts zu tun hatten. Meine Mutter Mary Roy hatte vor dem Obersten Gericht einen Fall gewonnen, der ein Gesetz zu Fall brachte, das syrisch-orthodoxen Christinnen „ein Viertel des väterlichen Eigentums oder 5000 Rupien [70 US-Dollar], was immer davon weniger ist“ zusprach. Jetzt konnten Frauen zu gleichen Teilen erben. Dies rief viel Ärger hervor. Es herrschte spürbar das Gefühl, dass man Mutter und Tochter eine Lektion erteilen müsse. Doch als der Fall seinen dritten oder vierten Verhandlungstag erreichte, hatte „Der Gott der kleinen Dinge“ den Booker Prize gewonnen. Das spaltete die öffentliche Meinung. Eine Malayali-Frau aus der Gegend, die einen prestigeträchtigen internationalen Literaturpreis gewonnen hatte, konnte man nicht so einfach abtun. Sollte man sie also meiden oder umarmen? Ich wohnte dem Verfahren mit meinem Anwalt bei, der mir im Vertrauen gesagt hatte, dass er Teile meines Buches „ziemlich obszön“ finde. Aber, so sagte er, laut Gesetz sollte ein Kunstwerk als Ganzes betrachtet werden, und da mein Buch nicht zur Gänze obszön sein, hätten wir eine reelle Chance. Der Richter erklärte: „Jedes Mal, wenn mir dieser Fall vorgelegt wird, bekomme ich ein Stechen in der Brust.“ Er vertagte die Verhandlung. Seine Nachfolger taten es ihm gleich. Unterdessen wurden die nicht-grenzüberschreitenden Aspekte des Buches gefeiert: die Sprache, das Heraufbeschwören der Kindheit. Vielen fällt es noch immer schwer, auf die Beziehung von Ammu und Velutha zu schauen, ohne dabei zusammenzuzucken. Es dauerte fast zehn Jahre, bis das Verfahren eingestellt wurde.

Worte für den Kaschmir-Konflikt

Im Mai 1998, kaum ein Jahr nach dem Erscheinen von „Der Gott der kleinen Dinge“, übernahm erstmals eine BJP-geführte Koalition die Regierung. Der damalige Premierminister Atal Bihari Vajpayee war Mitglied der RSS. Wenige Wochen nach seiner Amtsübernahme erfüllte er einen langgehegten Traum der RSS, als er eine Reihe von Atomtests durchführte. Pakistan antwortete sofort mit eigenen Tests. Damit begann der Weg zur verrückten Rhetorik des Nationalismus, die im heutigen Indien zu einer normalen Form der öffentlichen Rede geworden ist.

Ich war bestürzt von den Jubelorgien, mit denen die Atomtest begrüßt wurden – auch aus ganz unerwarteten Ecken. Damals schrieb ich meinen ersten Essay, „The End of Imagination“, in dem ich die Tests verurteilte. Ich sagte, der Eintritt in einen Nuklearwettlauf würde unsere Vorstellungskraft kolonisieren: „Wenn es anti-indisch und anti-hinduistisch ist, eine Atombombe in mein Gehirn gepflanzt zu bekommen“, schrieb ich, „dann spalte ich mich ab. Ich erkläre mich hiermit zur mobilen Republik.“ Die Reaktionen darauf können Sie sich ausmalen.

Dies war der Beginn meines mittlerweile zwanzigjährigen Essayschreibens. In diesen Jahren veränderte sich Indien blitzschnell. Bei jedem Essay suchte ich nach Form, Sprache, Struktur und Narrativ. Konnte ich über Bewässerung genauso unwiderstehlich schreiben wie über Liebe und Verlust und Kindheit? Über die Versalzung des Bodens? Über Dämme? Feldfrüchte? Über Strukturanpassung und Privatisierung? Über Dinge, die das Leben gewöhnlicher Menschen betreffen? Nicht als Reportage, sondern als Geschichten? Konnte man diese Themen in Literatur verwandeln? In Literatur für alle – auch für Menschen, die nicht lesen und schreiben können, aber die mir das Denken beigebracht haben und denen man vorlesen kann? Ich habe es versucht. Und so wie die Essays erschienen, kehrten auch die fünf Anwälte zurück (nicht dieselben wie beim ersten Mal, aber sie scheinen im Rudel zu jagen). Und die Prozesse, meistens für Missachtung des Gerichts. Einer davon endete mit einer sehr kurzen Gefängnisstrafe, ein weiterer ist noch anhängig. Die Debatten waren oft erbittert. Manchmal brutal. Aber immer wichtig.

Nahezu jeder Essay bescherte mir so viel Ärger, dass ich mir schwor, keinen weiteren zu schreiben. Aber unvermeidlich traten Situationen auf, in denen der Versuch, still zu bleiben, zu einem solchen Lärm in meinem Kopf, solchen Schmerzen in meinem Blut führte, dass ich nachgab und schrieb. Als mein Verleger im vergangenen Jahr eine Sammlung all meiner Essays veröffentlichte, stellte ich mit Erschrecken fest, dass der Band tausend Seiten umfasst.

Nach 20 Jahren des Schreibens, der Reisen zum Herzen der Rebellionen und der Treffen mit den außergewöhnlichsten wie den ausnehmend gewöhnlichen Menschen, kehrte die Literatur zu mir zurück. Nur ein Roman konnte umfassen, was sich in mir aufbaute, sich von den Landschaften, die ich bereist hatte, emporwand und sich zu einem Universum an Geschichten zusammenfügte. Ich wusste, er würde unverfroren kompliziert, unverfroren politisch und unverfroren intim sein. In „Der Gott der kleinen Dinge“ ging es um ein Haus, mit einer Familie mit gebrochenem Herzen in ihrem Zentrum. Hingegen musste „Das Ministerium des äußersten Glücks“ beginnen, nachdem das Dach vom Haus geblasen wurde und das gebrochene Herz zersprungen ist und seine Scherben über vom Krieg zerrüttete Täler und die Straßen der Städte verteilt hatte. Es musste ein Roman sein, aber das Universum an Geschichten verweigerte sich jeder Bändigung und allen Konventionen, die für einen Roman gelten. Das Buch würde wie eine große Stadt in meinem Teil der Welt sein, die der Leser als ein Immigrant betritt: ein wenig ängstlich, ein wenig eingeschüchtert und sehr aufgeregt. Der einzige Weg, es kennenzulernen, bestünde darin, es zu durchschreiten, sich zu verlaufen und zu lernen, in ihm zu leben, zu lernen, kleine und große Menschen zu treffen. Zu lernen, die Menge zu lieben. Es musste ein Roman sein, der sagt, was anders nicht gesagt werden kann. Vor allem über Kaschmir, wo nur die Fiktion wahr sein kann, weil man die Wahrheit nicht aussprechen kann. In Indien ist es unmöglich, auch nur einigermaßen ehrlich über Kaschmir zu sprechen, ohne eine Körperverletzung zu riskieren.

Zur Geschichte von Kaschmir und Indien, Indien und Kaschmir zitiere ich am besten James Baldwin: „Und sie glaubten mir nicht, gerade weil sie wussten, dass ich die Wahrheit sagte.“ Die Geschichte Kaschmirs ist nicht die Summe der Menschenrechtsberichte. In ihr geht es nicht nur um Massaker, Folter, Verschwinden und Massengräber oder um Opfer und ihre Unterdrücker. Einige der schrecklichsten Dinge, die in Kaschmir geschehen, würden nicht unbedingt als Menschenrechtsverletzung durchgehen. Einer Schriftstellerin bietet Kaschmir bedeutende Lektionen über das Wesen des Menschen. Über Macht, Machtlosigkeit, Verrat, Loyalität, Liebe, Humor, Glaube … Was passiert mit Menschen, die seit Jahrzehnten unter militärischer Besatzung leben? Welche Verhandlungen gibt es, wenn die Luft selbst mit Schrecken erfüllt ist? Was passiert mit Sprache?

Und auch: Was passiert mit Menschen, die das Grauen vollstrecken, verarbeiten und rechtfertigen? Was passiert mit Menschen, die zulassen, dass es in ihrem Namen so weitergeht? Das Narrativ Kaschmirs ist ein Puzzle, dessen gezackte Teile nicht zusammenpassen. Es gibt kein fertiges Bild.

Sonderbare Leute haben den Weg in meine Seiten gefunden. An vorderster Stelle Biplab Dasgupta, ein Geheimdienstoffizier. Ich war genervt, als er eintraf und in der ersten Person sprach. Ich glaubte, ich sei in seinem Kopf, und realisierte später, dass er vielleicht in meinem war. Gruselig an ihm war nicht seine Niederträchtigkeit, sondern seine Vernünftigkeit, seine Intelligenz, sein Witz, seine Selbstironie, seine Verletzlichkeit. Doch all der Kultiviertheit und der gelehrten politischen Analyse von Dasgupta entgeht, was der Bauunternehmer DD Gupta, eine Nebenfigur in meinem Roman, sehr leicht bemerkt. Gupta ist aus dem Irak nach Indien zurückgekehrt, wo er über Jahre seinen Lebensunterhalt mit dem Bau von Splitterschutzwänden bestritten hat, deren Fotos er stolz in seinem Handy verwahrt. Angeekelt von dem, was er im Irak gesehen und erlebt hat, betrachtet er den Ort, den er als seine Heimat begriffen hat. Seine wohl überlegte Einschätzung ist, dass sein Heimatland auf lange Sicht wohl einen Markt für Splitterschutzwände schaffen wird.

Romane können ihre Autoren an den Rand des Wahnsinns treiben. Romane können ihre Autoren aber auch beschützen.

Als Schriftstellerin beschützte ich die Charaktere in „Der Gott der kleinen Dinge“, weil sie verletzlich waren. Viele Charaktere in „Das Ministerium des äußersten Glücks“ sind zumeist sogar noch verletzlicher. Aber sie schützen mich. Vor allem Anjum, die als Aftab geboren wurde und zur Eigentümerin und Managerin des Jannat-Guest-House wird, auf einem aufgegebenen muslimischen Friedhof gerade außerhalb der Mauern von Alt-Delhi. Anjum macht die Grenzen zwischen Männern und Frauen, zwischen Tieren und Menschen und zwischen Leben und Tod weich. Ich gehe zu ihr, wenn ich Schutz brauche vor der Tyrannei der harten Grenzen in dieser zunehmend verhärtenden Welt.

Der Beitrag basiert auf dem Vortrag, den Arundhati Roy auf dem PEN World Voices Festival 2019 gehalten hat. Mit freundlicher Genehmigung der David Godwin Associates Ltd. Weitere Informationen unter www.pen.org. Die Übersetzung stammt von Steffen Vogel.

(aus: »Blätter« 7/2019, Seite 69-78)
Themen: Kultur, Asien und Fundamentalismus

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