Plastik global: Die große Recyclinglüge | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Plastik global: Die große Recyclinglüge

von Annett Mängel

Wir leben in einer Welt aus Plastik. Die verschiedenen Kunststoffe sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken und finden sich inzwischen überall.[1] Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts ersetzen sie in rasantem Tempo Alltagsgegenstände aus Glas, Porzellan und Papier. Sie sind billig herzustellen, leicht und vielseitig verwendbar. Das macht sie so attraktiv – und gleichzeitig so gefährlich, denn Plastik ist äußerst langlebig: Es braucht Jahrhunderte, damit Plastik zerfällt. Dabei werden Schadstoffe an die Umwelt abgegeben und es bleiben winzig kleine Teilchen übrig, das sogenannte Mikroplastik. Dieses findet sich inzwischen auf der ganzen Welt: im Mariannengraben ebenso wie im Eis der Arktis, auf Ackerböden und in Binnengewässern.

Und so landet es früher oder später auf unserem Tisch: Jeder Mensch auf der Welt, so errechneten australische Forscher jüngst, nimmt pro Woche fünf Gramm Mikroplastik über Atemluft, Essen, Kosmetik und insbesondere Getränke zu sich – das entspricht in etwa dem Gewicht einer Kreditkarte. Dieser Mittelwert variiert je nach Ernährung und Wohnort.[2] Was das Mikroplastik selbst im Körper anrichtet, ist bislang nicht sicher erforscht. Klar ist aber, dass es je nach Größe direkt in innere Organe wie die Lunge und den Darm gelangen kann, und es gilt als wahrscheinlich, dass es körperliche Abläufe beeinträchtigt. Fest steht zudem längst, dass sich an das Mikroplastik andere Schadstoffe binden, die vom Körper absorbiert werden, beispielsweise Pflanzenschutzmittel aus der Landwirtschaft. Hinzu kommt, dass unter den vielen chemischen Substanzen, aus denen Kunststoffe bestehen, zahlreiche als sogenannte endokrine Disruptoren gelten. Diese stören bereits in winzigen Mengen den Hormonhaushalt und stehen im Verdacht, Krebs auszulösen sowie insbesondere mitverantwortlich dafür zu sein, dass die Zeugungsfähigkeit in den Industrieländern seit Jahren abnimmt.[3]

Von wegen Recyclingweltmeister

Und doch landet ein Großteil des Kunststoffs nach zumeist einmaligem Gebrauch umgehend auf dem Müll: sei es die Verpackung für das Mittagessen mit den Kollegen im Büro oder die Unmengen von Plastikhüllen für Wurst, Käse, Obst und Gemüse. In Deutschland verdoppelte sich der Plastikmüll seit 1994 – mit 38 Kilogramm pro Person und Jahr nahmen die Deutschen 2016 nach Luxemburg, Irland und Estland europaweit den vierten Platz ein.[4]

Die Welt droht im Plastikmüll zu ersticken, wenn wir nicht endlich gegensteuern. Den Bildern toter Wale, die qualvoll an einem Magen voller Verpackungsmüll verendeten, der riesigen Müllstrudel in den Meeren und offener Deponien mit westlichem Plastikmüll in Ländern des globalen Südens kann sich keiner mehr entziehen – und doch geht es nur in Trippelschritten voran: Die EU etwa unternimmt mit ihrer im Frühjahr verabschiedeten Plastik-Richtlinie – mit der ersetzbare Einwegplastikprodukte ab 2021 verboten sein sollen – zwar einen kleinen Schritt in die richtige Richtung, packt das Problem aber nicht an der Wurzel. Denn um die wachsenden Müllberge zu vermeiden, reicht es nicht, einige wenige Einwegprodukte zu verbieten. Stattdessen ist es notwendig, die Plastikproduktion weltweit massiv einzugrenzen, indem man auf Ressourcenschonung, Wiederbenutzung und somit auf nachhaltige Produkte setzt.

Doch bislang wächst der Kunststoffberg Jahr für Jahr. Nur ein Bruchteil davon wird recycelt – anders, als man hierzulande lange dachte. Wähnten sich doch viele mit dem Wurf in die Gelbe Tonne im guten Glauben, dass die Styroporverpackung vom Imbiss oder der Plastikbecher der Kirschtomaten wie versprochen ordentlich entsorgt und wiederverwendet wird.

Doch vom Recyclingweltmeister Deutschland kann überhaupt keine Rede sein: Zwar werden laut Umweltbundesamt 39 Prozent des Plastikmülls recycelt – allerdings zählt dazu schon der Abfall, der in einer Sortieranlage landet und in irgendeiner Form weiterverarbeitet wird. Tatsächlich jedoch wurden von den 5,2 Mio. Tonnen Kunststoffabfällen aus dem Jahr 2017 lediglich 810 000 Tonnen wirklich wiederverwertet, das entspricht einer Quote von 15,6 Prozent.[5] Setzt man allerdings diesen wiederverwendeten Kunststoff ins Verhältnis zur Neuproduktion, kommt man mit dem Abfallexperten des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie, Hennig Wilts, auf lediglich 5,6 Prozent.[6] Der Rest wird „thermisch“ verwertet, wie es euphemistisch von Seiten der Müllentsorger heißt, also verbrannt, oder als Ersatzbrennstoff in der Zementindustrie genutzt. Dabei bleiben giftige Rückstände übrig, die in Bergwerken gelagert werden.[7] Immerhin sorgen hierzulande wenigstens ausgereifte Filteranlagen dafür, dass schädliche Gase nicht direkt die Umwelt vergiften. Andernorts ist das aber längst nicht der Fall. Im globalen Süden wird der Müll oft im Freien verbrannt, landet auf offenen Deponien und somit in der Umwelt und im Meer.

Die Müllkippen des Nordens

Dessen ungeachtet wird all das, was die hiesige Müllindustrie nicht verarbeiten kann, exportiert. Jahrzehntelang ging Müll nach China, das daraus in aufwendigen Verfahren sogenannte Rezyklate herstellte, die wieder zur Kunststoffproduktion genutzt werden können. Vor anderthalb Jahren aber erhöhte das Land seine Anforderungen an importierten Kunststoffmüll drastisch, um ihn besser verarbeiten zu können, was einen faktischen Importstopp bedeutete. Malaysia und Indonesien sprangen als neue Müllimporteure ein. Mit fatalen Folgen: Denn während sich in China in den vergangenen dreißig Jahren ein halbwegs funktionierendes Entsorgungs- und Recyclingsystem entwickelt hat, türmt sich der Kunststoffmüll in Malaysia und Indonesien auf ehemaligen Landwirtschaftsflächen in der Nähe bewohnter Gebiete. Anwohner berichten von nächtlichen Bränden auf den Müllhalden und klagen über stechende Gerüche, Qualm und Atemwegserkrankungen.[8]

Höchstens vier Prozent des Plastikmülls werden in diesen Ländern recycelt. Exportiert man den Müll dorthin, ist also mit großer Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass er letztlich die Umwelt verschmutzt – ob als giftiger Qualm, der die Anwohner direkt schädigt, oder als umherfliegender Müll, der in den Gewässern landet und früher oder später auch auf unserem Teller wiederzufinden ist.

UNO-Vorstoß und EU-Trippelschritte

Immerhin haben die katastrophalen Bilder brennender Plastikmüllkippen in Indonesien und Malaysia inzwischen auch die UNO aufgeschreckt: Mitte Mai einigten sich 187 Staaten in einem Rahmenabkommen darauf, nur noch sortierten und sauberen Plastikmüll in Entwicklungsländer zu exportieren. Exporteure, die stark verschmutzte und unsortierte Abfälle loswerden wollen, müssen sich künftig die Erlaubnis der dortigen Regierungen einholen. Bislang war dies lediglich ein Geschäft zwischen privaten Firmen – und fand ohne staatliche Kontrolle statt. Nun soll es hingegen „ein transparentes und zurückverfolgbares System für Export und Import von Plastikmüll geben“, wie Rolph Payet vom UN-Umweltprogramm nach der Verabschiedung betonte.[9] Anfang Juli schickte Indonesien containerweise Mischmüll, der mit giftigen Substanzen versetzt war, in Industrieländer zurück.

Das neue Abkommen ist ein wichtiger Schritt zur Eindämmung der Plastikflut: Wenn die Industrieländer ihre wachsenden Müllberge nicht mehr einfach loswerden können, sondern sich wieder selbst um die Entsorgung – und am besten eine höhere Recyclingquote – kümmern müssen, wächst vielleicht auch der Druck, effektiv gegenzusteuern. Allerdings wäre es illusorisch, dabei allein auf die Einsicht der Hersteller und Verkäufer zu setzen.

Immerhin will die EU ihnen auf die Sprünge helfen: Ab 2021, so hat sie im Frühjahr beschlossen, sollen Luftballonstiele, Plastikwattestäbchen, Besteck, Teller und Fast-Food-Behälter aus Plastik verboten sein. Die neue Vorschrift zielt auf jene Kunststoffprodukte, die in Europa am häufigsten an Stränden und in den Meeren gefunden wurden.[10] Das ist ein Schritt in die richtige Richtung – und trotzdem zu kurzsichtig gedacht. Denn das Verbot soll nur solche Artikel betreffen, für die bereits sinnvolle Alternativen bestehen. Zu erwarten ist also keine Abnahme des Mülls, sondern lediglich eine Ersetzung der Rohstoffe: An die Stelle der Plastiktüte tritt dann die Papiertüte, die als viel umweltfreundlicher gilt, als ihr gebührt.[11] Und auch Bambusteller und -besteck landen umgehend im Müll. Das ist zwar umweltfreundlicher als das Jahrhunderte nicht verschwindende Plastik, trägt aber keinen Deut zur Schonung von Ressourcen bei.

Zugleich werden in verschiedenen Bereichen die Hersteller stärker zur Verantwortung gezogen. So soll die Tabakindustrie ihre Käufer darüber aufklären, dass Zigarettenfilter, die oft einfach weggeschnippt werden, Plastikmüll sind. Sie enthalten zu einem Großteil weiche Kunststoffe und Mikroplastik, um Schadstoffe aus der Tabakverbrennung zurückzuhalten. Am Schwarzen Meer machen Zigarettenkippen mehr als ein Drittel des am Strand anfallenden Mülls aus, an der Ostsee sind es immerhin zehn Prozent.[12] Die Tabakhersteller sollen auch an den Abfallbeseitigungskosten beteiligt werden. Zudem drängt die EU ihre Mitgliedsländer, den Anteil von Recyclingkunststoffen an der Neuproduktion bis 2030 auf 30 Prozent zu steigern und bereits ein Jahr zuvor 90 Prozent ihrer Kunststoffflaschen getrennt zu sammeln. PET-Flaschen sind am besten fürs Recycling geeignet, weil sie relativ sortenrein sind.

Der gemischte Grüne-Punkt-Müll muss hingegen erst mühsam gereinigt und sortiert werden. Er enthält viele Verbundstoffe, also Verpackungen mit unterschiedlichen Materialien, die sich schlecht bis gar nicht recyceln lassen. So wichtig eine verbindliche – dann aber auch zu sanktionierende! – Recyclingquote für neue Kunststoffe ist, zeigt sich hier doch die Zaghaftigkeit der EU. Denn sie sieht die Lösung des Problems bloß in etwas mehr Recycling anstatt in der Eindämmung der stetig wachsenden Müllflut.

Was ist zu tun?

Für eine wirkliche Lösung müsste Brüssel sich mit den großen Konzernen der petrochemischen Industrie anlegen. Diese sorgen mit viel Lobbyarbeit dafür, dass die Plastikherstellung weiter billig bleibt, beispielsweise dadurch, dass das dafür benötigte Rohöl steuerfrei ist, oder die energieintensiven Unternehmen von Abgaben befreit werden.[13]

Kurzfristig gilt es, neben mehr Recycling schon jetzt Mehrwegsysteme an die Stelle von Einwegprodukten zu stellen: Eigentlich sind Supermärkte in Deutschland seit Jahresbeginn dazu verpflichtet, bei Getränkeflaschen eine Mehrwegquote von 70 Prozent einzuhalten. Doch insbesondere die großen Discounter wie Lidl und Aldi setzen zunehmend ausschließlich auf Einwegflaschen – und verstoßen damit gegen die geltende Mehrwegquote, ohne bislang Sanktionen fürchten zu müssen. Das muss sich dringend ändern. Auch an der seit diesem Jahr geltenden Kennzeichnungspflicht von Einweg- und Mehrwegflaschen hapert es. Oft ist nicht eindeutig zu erkennen, ob es sich um das eine oder das andere handelt. Notwendig wäre daher eine zusätzliche eindeutige Kennzeichnung auf der Flasche, wie es auch die „Mehrweg-Allianz“ fordert. Diese setzt zudem auf eine zusätzliche Abgabe von 20 Cent auf Einwegflaschen und Dosen.[14]

Auch im Fast-Food-Bereich und der Take-Home-Gastronomie muss ein Umdenken stattfinden: Einwegbecher und -behälter müssen durch nachhaltige Alternativen ersetzt werden. Allein in den Fußballstadien der ersten und zweiten Bundesliga fielen in der Saison 2018/2019 mehr als neun Mio. Wegwerfbecher an.[15] Dabei gibt es längst Pfandalternativen. In Berlin läuft aktuell eine Ausschreibung für ein Pfandsystem von Kaffeebechern – 2,8 Mrd. Wegwerfbecher werden jährlich hierzulande verbraucht, ganze 34 pro Kopf. Doch bislang sperren sich vor allem die großen Konzerne wie Starbucks dagegen – angeblich, weil es zu aufwendig ist, vor allem aber, weil sie mit den eigenen To-go-Kaffeebechern eine wesentliche Werbefläche verlören.[16]

Das bringt das grundlegende Dilemma auf den Punkt: Das globale kapitalistische Konsummodell blendet die Folgekosten für die Welt komplett aus. Sie sind weder eingepreist noch werden sie von verantwortlicher Seite in Rechnung gestellt. Hier ist die Politik gefragt: Nachdem die UN-Umweltkonferenz in Nairobi im März dieses Jahres anders als geplant keine Einigung zur Eindämmung von Plastikmüll in den Ozeanen traf, gehört das Thema umgehend wieder auf die politische Agenda – und zwar weltweit. Anders bekommen wir das Problem mit dem Plastikmüll nicht in den Griff.

 


[1] Plastik umfasst als Sammelbegriff verschiedene chemisch hergestellte Kunststoffe, die je nach Verwendungszweck aus unterschiedlichen chemischen Stoffen bestehen. Vgl. die Grafik im gerade frisch erschienenen „Plastikatlas“ der Heinrich-Böll-Stiftung und des BUND, Berlin 2019, S. 11.
[2] Vgl. Jeder isst und trinkt bis zu fünf Gramm Mikroplastik pro Woche, www.tagesspiegel.de, 13.6.2019.
[3] Vgl. Heike Holdinghausen, Unaussprechlich und gefährlich, in: „die tageszeitung“ (taz), 24.6.2019.
[4] Spiegel, Deutschlands dreckiger Rest. Die Müll-Lüge, 18.1.2019 und https://de.statista.com/themen/4645/plastikmuell.
[5] Vgl. Plastikatlas, a.a.O., S. 9.
[6] Vgl. Deutsches Recyclingsystem versagt beim Plastikmüll, www.spiegel.de, 18.1.2019
[7] Vgl. Plastik für die Ewigkeit, Video, www.spiegel.de, 27.8.2018.
[8] Vgl. Arne Perras und Vivien Timmler, Vermülltes Idyll, www.projekte.sueddeutsche.de. 

[9] Vgl. Jona Spreter, Vereinte Nationen wollen Plastikabfälle reglementieren, in: www.zeit.de, 11.5.2019.
[10] Vgl. Wegwerfprodukte aus Plastik: Parlament stimmt für Verbot ab 2021, www.europarl.europa.eu, 27.3.2019.
[11] Vgl. Heike Holdingshausen, Der Kampf gegen Plastikmüll. Nicht von Pappe, www.taz.de, 14.5.2019.
[12] Vgl. die Grafik „Die Müllverschmutzung an Stränden“ in: Plastikatlas, a.a.O., S. 25.

[13] Vgl. Plastikatlas, a.a.O., S. 30 f.
[14] Vgl. Boykott der Mehrwegquote stoppen: Verbände Allianz fordert Abgabe auf Einweg, www.duh.de, 29.4.2019.

[15] Vgl. Deutsche Umwelthilfe, Mehrwegbecher in Stadien, www.duh.de.

[16] Vgl. Mirjam Hecking, Warum der Handel Mehrwegbecher meidet, www.manager-magazin.de, 26.6.2019.

 

(aus: »Blätter« 8/2019, Seite 25-28)
Themen: Ökologie, Gesundheit und Kapitalismus

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