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Mehr Zukunft wagen

Zeit für Wirklichkeit – aber eine andere

Maciej Bledowski / photocase.de Foto: Maciej Bledowski / photocase.de

von Harald Welzer

»Man sollte nie aufhören, die Welt seltsam zu finden.«
– Gero von Randow 

Das vielleicht wirkmächtigste Merkmal der Moderne war, dass sie von einer imaginierten Zukunft getrieben war: Die Gesellschaft würde sukzessive bessere Lebensbedingungen für alle ihre Bewohnerinnen und Bewohner bereithalten. Und diese besseren Bedingungen würden sich in individuelle Lebenspläne, berufliche Aufstiege, Ehe- und Kinderwünsche übersetzen lassen: Wenn ich mich qualifiziere, kann ich aufsteigen; meine Kinder und Enkel werden einmal besser leben, als ich es konnte. Diese Zukünftigkeit nahm, je nach technischer Entwicklung und gesellschaftspolitischem Fortschritt, unterschiedliche Gestalt an – die westliche Nachkriegsepoche versprach Zukunft durch dynamische Technikentwicklung einerseits und soziale Marktwirtschaft andererseits und löste sie durch Mondlandung, Mitbestimmung und Öffnung des Bildungssystems ein, unter anderem. Solche Zukünftigkeit war erlebbar, ein Element realer Erfahrung und Hoffnung, eine soziale Produktivkraft. Das Morgen, das war der Sound jener Epoche, würde jedenfalls besser sein als das Heute. Und es war erreichbar. 

Inzwischen ist dieser Sound verklungen, und die Gegenwart hat sich nach vorn gedrängt – in einer Verschränkung von auf den ersten Blick sehr disparaten Gründen: Zum einen wurden in Zeiten des Hyperkonsums künftige individuelle und gesellschaftliche Ziele durch einen Sofortismus der unverzögerten Bedürfnisbefriedigung ersetzt; was ich sein will, bin ich in den sozialen Netzwerken und im Selfie, und zwar jetzt; was ich haben will, kann ich sofort bekommen, ohne Triebaufschub. 

In der Diktatur der Gegenwart treten Bürgerinnen und Bürger fast ausschließlich nur noch in der Verbraucherrolle auf und beanspruchen Lieferung – von Produkten, Dienstleistungen, Informationen und Politikangeboten. In Echtzeit, same day delivery. Wie verzogene Kinder bekommen sie sie auch. 

Zweitens hat die Digitalwirtschaft den Mangel an Zukünftigkeit kaschiert und ist wie der Igel im Märchen immer schon da, wo die Zukunft mit Namen Hase hinhetzt. Sie ersetzt, was unbestimmte Möglichkeit hätte sein können, durch Berechenbares, vom künftigen Konsum- und Wahlverhalten bis zur vorhergesagten politischen oder kriminellen Abweichung. Die digitale Zukunft ist nicht offen; sie besteht lediglich aus dem, was in einem binären Universum berechnet werden kann. 

Und drittens schließlich hat seit dem Aufkommen der Umweltwissenschaften, der Erdsystem- und Klimaforschung, der Ökologiebewegung das Wissen um die erwartbare Zukunft des Planeten die Gestalt einer Dystopie angenommen, die auf keinen Fall eintreten darf. Diese Abwehr von Zukünftigkeit geht übrigens so weit, dass auch dort, wo wissenschaftlich nachgewiesen wird, dass „planetare Grenzen“ bereits überschritten seien, nicht die brennende Frage auftaucht, was es denn heißt, dass sie überschritten sind. Was folgt daraus für künftiges Handeln, künftige Möglichkeiten der Weltgestaltung? Die Uhr ist für Ökos seit Jahrzehnten auf „fünf vor zwölf“ stehengeblieben. Weitergehen darf sie nicht, denn nach High Noon folgt – was? Möglicherweise etwas, was man noch nicht kannte. 

Die drei apokalyptischen Reiter – totaler Konsumismus, totale Berechenbarkeit und totale Katastrophe

Diese drei apokalyptischen Reiter aus totalem Konsumismus, totaler Berechenbarkeit und totaler Katastrophe führen in ihrem Zusammenwirken zur Ersetzung der optimistischen Zukunftserwartung der Nachkriegsmoderne durch die Diktatur der Gegenwart von heute, zum Schwinden eines Horizonts, den man erreichen wollen würde. Nein, im Gegenteil, dieser Horizont soll einen bitte nicht erreichen, wer weiß, was da kommt? Zukunft soll sein wie jetzt, nur mehr und kontrollierter. Oder schlimmer noch: „Zukunft ist das, was nicht passieren darf. [...] Das Ziel ist es, den Status quo, und wäre er noch so übel, zu retten vor dem Angriff einer dystopischen Zukunft.“[1]

So wie die Zivilreligion des Wachstums die materiellen Voraussetzungen der Zukunft beschränkt, so baut die Digitalwirtschaft Deiche gegen alle unberechenbaren Träume einer offenen Zukunft. Und die Ökos untermauern all das in bester Absicht mit der Dystopie einer unausweichlichen Zerstörung in planetarem Maßstab, so dass sich das Heil ausschließlich um den Augenblick zentriert und das Unheil nur abzuwenden ist, wenn die Zukunft verhindert wird. 

Nur vor diesem Hintergrund kann es als sinnhaft erscheinen, nicht zum Beispiel über eine autofreie Welt nachzudenken, sondern über den Austausch von diesel- und benzinbetriebenen Autos durch solche mit E-Antrieb. Nur so kann man es „innovativ“ finden, wenn die Welt und der Geist mit sprechenden und spionierenden Geräten wie Alexa vollgestellt wird, anstatt Raum zu schaffen für autonomes Denken, Urteilen und Entscheiden. Und jede Optimierung erfüllt nur den Zweck, dass alles bitte so weitergehen kann wie bisher: „Wenn wir die Häuser dämmen und Energieausweise erstellen, dann geht es um das Recht, auch weiterhin die Landschaft zersiedeln zu dürfen. Es ist, als wären wir, die Gesellschaft, die Politik und die Wissenschaft, vor allem damit beschäftigt, Dämme zu bauen, immer weiter, immer höher, um den Einbruch einer Zukunft zu verhindern, die wir uns nur als Chaos und Katastrophe vorstellen können. Wir sind nicht unbedingt glücklich mit unserer Art zu leben. Aber alles andere stellen wir uns noch schlimmer vor.“[2]

Die Wirksamkeit einer solchen Kultur der Zukunftsverhinderung zeigt sich allenthalben: nicht nur in der neuen Sehnsucht nach altem Nationalismus, nach Autokratie und Geführtwerden, sie zeigt sich auch in der bei genauerer Betrachtung ja äußerst trüben Erneuerungspotenz all der Start-ups und Innovationsangeber: Was außer irgendeiner weiteren Funktion ist denn neu an der immer wieder allerneuesten Generation von Smartphones oder Kühlschränken oder Autos? Wenn man, und das ist der ernüchterndste Befund, junge Menschen nach ihren Träumen und Zukunftsvorstellungen befragt, wie wir es im vergangenen Jahr in einem kleinen Forschungsprojekt getan haben, antworten sie: „Ja, eine nachhaltige Welt, in der die Menschen friedlich leben und gut miteinander auskommen, die wäre schön!“ Und dann folgt das große „Aber“ von Artensterben über Klimawandel bis Trump, und man sieht: Sie gestatten sich das Träumen nicht. Nicht mal mehr das Träumen. 

Wie wir die Zukunft der Kommenden verbraucht und die Produktivkraft Träumen ruiniert haben

Dies ist das Verdienst der Vorgängergeneration, also meiner eigenen. Nicht nur, dass wir schon mal de facto die Zukunft jener verbraucht haben, die nach uns noch lange leben werden, zu allem Überfluss haben wir ihnen die Zukunft auch noch visionär madig gemacht, sie als dystopisch, negativ, bedrohlich gezeichnet. Deshalb verbieten sich die Jugendlichen das Träumen. Wir haben, anders gesagt, die Produktivkraft Träumen ruiniert.

Man kann das zivilisatorische Projekt der Moderne aber nicht fortsetzen, ohne die Idee von einer Zukunft zu haben, die ein besseres Leben vorsieht als das, das heute zu haben ist. Ja, eigentlich ist der Traum vom guten Leben die Voraussetzung, dafür einzutreten, dass die Ungerechtigkeit und die Destruktivität der menschlichen Lebensform erfolgreich weiter zivilisiert und eben nicht weiter vertieft werden. Im Ruhrgebiet tragen Leute T-Shirts, auf denen steht: „Scheiße ist es anderswo auch!“ Einen radikaleren Verzicht auf Änderung und auf Verantwortung für Veränderung kann man sich kaum denken. 

Zukunft lässt sich negatorisch nicht entwerfen, das geht nur mit positiven Bestimmungen. Und warum nicht? Eine Stadt ohne Autos ist auch ohne Klimawandel gut. Eine nachhaltige Almwirtschaft auch. Wälder zu pflanzen auch. „Was käme heraus“, fragt Claudius Seidl, „wenn wir mit größerem Aufwand daran arbeiten würden, uns ein besseres Leben vorzustellen? Wie wäre es, wenn wir an Zukunftsvisionen nicht deshalb arbeiteten, weil wir den Wald oder den Thunfisch oder das Klima retten wollen. Und auch nicht, weil wir uns verteidigen müssen gegen die Macht der großen Daten. Sondern weil wir uns ein besseres Leben als das, was wir führen, allemal vorstellen und mit aller Kraft anstreben können.“[3]

Da ist dieses starke Wort: Können. Ja, können wir, und weil wir es können, haben wir auch die Verantwortung, es zu machen. Jedenfalls wenn wir nicht dümmer sein wollen, als wir müssten. 

Klar: Wir befinden uns in einem Epochenwechsel. Aber der ist nicht definiert von ominösen Dingen wie „Globalisierung“ oder „Industrie 4.0“ oder „Anthropozän“. Sondern von der Frage, ob er von rückwärtsgewandten, menschenfeindlichen, antimodernen Kräften gestaltet wird oder von jenen, die den Normalbetrieb zwar auch nicht fortführen wollen, aber die Moderne für ein entwicklungsfähiges Projekt halten. Und ihre zivilisatorischen Errungenschaften als Ausgangspunkt dafür nehmen möchten, mehr soziale Gerechtigkeit, mehr persönliche Autonomie, mehr verfügbare Zeit, weniger Gewalt und Zwang auf der Basis eines nachhaltigen Umgangs mit den natürlichen Voraussetzungen des Überlebens zu realisieren. 

Sagen wir es mal so: „Die fetten Jahre sind vorbei“ könnte ja auch als frohe Botschaft verstanden werden, in einer Welt, in der mehr Menschen an Übergewicht als an Unterernährung leiden, in der die Autos, die Schiffe, die Häuser immer fetter werden. Jetzt kommen leichtere, schlankere, sportlichere Zeiten. Der einzige Grund, aus dem ein Weiterbauen am zivilisatorischen Projekt nicht attraktiv sein sollte, ist Phantasielosigkeit. Die allerdings ist in jeder Hinsicht auf dem Vormarsch, weshalb die Wiedereinführung der Zukunft eine dringliche Sache ist, des guten, des besseren Lebens wegen. Können wir, machen wir. 

Die Produktivkräfte des guten Lebens und die Idee von Zukünftigkeit 

Damit das alles nicht im üblichen Konjunktiv – schöner wär’s, wenn’s schöner wär – verbleibt, muss nun die Suche nach den subjektiven Voraussetzungen für das Weiterbauen am zivilisatorischen Projekt folgen. 

Die komplette Nachhaltigkeits- und Klimaschutzszene verzweifelt ja hochprofessionell an der Frage, warum Menschen nicht zu Veränderungen ihrer Lebensweise bereit sind, obwohl sie doch so viel darüber wissen, dass es so nicht weitergeht. Vielleicht wäre es einfach besser, statt noch mehr Information und Wissen anzubieten, mal darüber nachzudenken, wo denn wohl Veränderungsbereitschaften zu finden sind – im Wissen liegen sie nämlich nicht.

Solche Bereitschaften müssen in der Lebenswelt der Menschen existieren und eine Rolle spielen. Wird das nicht berücksichtigt, landet man wieder beim unvermeidlichen Lamento darüber, dass die Menschen einfach nicht tun, was sie wissen, weshalb man sich den Rest seines Lebens damit beschäftigen kann, ihnen sein Wissen immer weiter aufzudrängen. Während Wissen aber etwas Abstraktes ist und unabhängig von den Anforderungen des Daseins existiert, ist Handeln immer konkret – also von der Lebenswelt im Allgemeinen und ihren Situationen im Besonderen abhängig. Wenn jemand sich also auf den Weg zu einer Veränderung machen soll, muss das ganz einfach mit ihr oder ihm zu tun haben, sonst kann man auf sie oder ihn einreden wie auf ein totes Pferd. Vor allem muss es interessant sein. 

Die wirklichkeitsschaffende Kraft des Utopischen

Mir ist die wirklichkeitsschaffende Kraft des Utopischen einmal schlagartig klar geworden, als ich in einer Ausstellung das Kinderbuch „Zwei Quadrate gehen um die Welt“ des deutsch-russischen Revolutionskünstlers El Lissitzky gesehen habe. Er stellte sich die Kinder in einer kommunistischen Gesellschaft konsequenterweise anders vor als die Kinder, wie sie im Kapitalismus aufwachsen. Also brauchten sie auch andere Bilder und andere Geschichten, eine „suprematistische Erzählung“. 

Die russische Revolutionskunst unmittelbar nach der Oktoberrevolution ist bis heute interessant und stilbildend, weil die Künstlerinnen und Künstler davon ausgingen, dass nun eine neue Zeit beginne und entsprechend eine andere Ästhetik, eine andere Ansicht der Welt und ihrer Zukünftigkeit geschaffen werden müsse. Diese Idee, dass alles anders sein könnte und nun auch würde, hatte kurzzeitig durchaus die Kraft, die Massen zu erreichen und zu begeistern. 

Man könnte sagen: Das war revolutionär, Rock’n’Roll als bildende Kunst, Jahrzehnte vor Elvis. Aber schon wenig später galt das als gefährlich – aus gutem Grund, hätte es doch dazu führen können, dass die Massen womöglich selbst etwas hätten denken können. Der Stalinismus führte lieber den sozialistischen Realismus ein, voller entschlossen und tatkräftig blickender Arbeiterinnen und Arbeiter auf Kornfeldern und an Hochöfen, und auch die Architektur, von Lissitzky und seinen Kolleginnen revolutionär gedacht, sank ins Angeberische oder aber funktionalistisch Menschenfeindliche ab – übrigens genauso wie heute in China oder in arabischen Scheichtümern. Warum? Weil es keine Idee gab, dass die Welt als andere erst entworfen, ertastet, erfühlt und errungen werden müsste, sondern weil es plötzlich die Macht gab, sie mit Gewalt zu gestalten. Und zwar nach dem eigenen Spießerhorizont. 

Auch wir im Westen leben in einer gestalteten Welt, die deshalb die Alleinherrschaft beansprucht, weil sie da ist. Nehmen wir die Infrastrukturen, die am Auto gebildet sind. Autos sind keine Mittel, um Raum zu überwinden, sondern um Raum zu gestalten – und so sehen die Städte und Gemeinden auch aus. Und die Architektur besteht oft aus Geld. Gehen Sie mal in Frankfurt spazieren. Die Europäische Zentralbank besteht aus einem Architektursymbol für die Macht des Geldes, aggressiv, klotzig und ignorant gegenüber anderem Daseienden (und lustigerweise von dem vor ein paar Jahrzehnten mal linken und revolutionären Architektenkollektiv „coop Himmelblau“ gebaut). Und wenn Sie in die Innenstadt gehen, finden Sie eine aus Geld bestehende künstliche Altstadt vor, die aussieht wie die sogenannten Designer-Outlets an den Autobahnen, die perfekte Geschichtslosigkeit; gebaut nicht aus irgendeinem lebensdienlichen Grund, sondern weil man es sich leisten kann. 

Das ist die alte Welt. Die, die in stoischer Rücksichtslosigkeit gegen alles, was keinen Mehrwert schafft, mit ihrem monolithischen Credo, dass mehr besser und damit im Recht sei, alles niederwalzt, was auch nur einen kleinen Augenblick denkt, dass es auch anders sein könnte. Ihre neueste Erscheinungsform hat die alte Welt in der Digitalwirtschaft bekommen, die nicht müde wird zu behaupten, sie sei unfassbar neu, obwohl sie doch hauptsächlich neue und perfidere Formen der Ausbeutung, Überwachung und Naturzerstörung liefert. Das ist bloß die Zukunft von gestern, glauben Sie denen, die Ihnen das alles als seligmachend verkaufen wollen, kein Wort. Sie wirken nur zukünftig, weil es nirgendwo anders Zukunft zu geben scheint. 

Auch nicht dort, wo so gedacht und gewirtschaftet wird, dass sich ein anderer, weniger zerstörerischer Umgang mit der Welt in ersten Spuren abzuzeichnen beginnt. Denn überall, wo heute „nachhaltig“, „postwachstumsökonomisch“, „gemeinwohlorientiert“, „grün“ gedacht, gewirtschaftet und gelebt wird, hat man den Eindruck einer erstaunlich genügsamen Selbstzufriedenheit damit, dass die gegenwärtige Welt nun mal so aussieht, wie sie aussieht. Die Ökologiebewegung hat es nie geschafft, eine eigene Ästhetik zu entwickeln. Ihre Zukunftsbilder sehen aus wie in der Rama-Reklame: gutgelaunter kinderreicher Mittelstand auf grünen Wiesen unter Windrädern. Das, liebe Ökos, reicht nicht. Da muss eine andere Zukunft her. 

Die gegenwärtige Wirklichkeit bloß als einen Vorschlag betrachten

Betrachten wir also die gegenwärtige Wirklichkeit bloß als einen Vorschlag. Neben ihr gibt es jede Menge andere Vorschläge, die wir gründlich erwägen sollten. Denn den gegebenen Vorschlag anzunehmen, nur weil er da ist, hieße: Wir lassen uns auf ein Experiment ein, von dem sicher ist, dass es scheitern wird. Obwohl das Klima längst aus dem Takt ist, die Insekten sterben und mit ihnen die Vögel, obwohl Teile der Ozeane sich in tote Zonen verwandelt haben, noch bevor sie überhaupt erforscht worden sind, läuft das Experiment weiter, mit dem herausgefunden werden soll, ob man auf einer endlichen Welt unendlich expandieren kann. So betrachtet ist die gegebene Wirklichkeit und die mit ihr vorgeschlagene Lebensweise eine Illusion, und zwar eine gefährliche. Wir müssen daher endlich beginnen, realistisch zu werden. Und uns eine andere Wirklichkeit vorstellen. 

Wie gesagt: Momentan sieht unsere Wirklichkeit wie folgt aus: Weltweit läuft dieses gigantische Experiment, das von der Hypothese ausgeht, grenzenloses Wachstum sei auf einem begrenzten Planeten möglich. Experimente sind, wissenschaftstheoretisch gesprochen, dazu da, Hypothesen zu falsifizieren oder zu verifizieren, also in diesem Fall nachzuweisen, ob grenzenloses Wachstum möglich (verifiziert) oder unmöglich (falsifiziert) ist. Eine verantwortliche Versuchsleitung hätte schon vor längerer Zeit gesagt: „Super, wir können das Experiment jetzt abbrechen, es ist falsifiziert.“ Aber obwohl Dennis Meadows und seine Kollegen schon 1972 mit den „Grenzen des Wachstums“ eine überzeugende Falsifizierung vorgelegt haben, wird das Experiment fortgeführt, jedes Jahr mit größerer Intensität. 

Dabei wäre ein Pfadwechsel in eine nachhaltige moderne Gesellschaft vor vier, fünf Jahrzehnten ja genau dadurch einzuleiten gewesen, dass man eine weltweite Suche nach den ressourcenschonendsten Lebensstilen und Wirtschaftsweisen gestartet hätte. Damals gab es noch weit mehr davon. Dann hätte man vom Pekinger Fahrradverkehr so lernen können wie vom kubanischen Energiesystem, von indischer Ernährungsweise wie vom samoanischen Fischfang, von Appenzeller Almwirtschaft genauso wie vom Bregenzerwälder Holzbau. Auf diese Weise wäre tatsächlich eine Wissensgesellschaft entstanden. Aber anstatt sich an vorhandenen Wissensformen zu orientieren und sich durch Kombinatoriken von Wissensbeständen global klüger zu machen, hielt man am phantasiefreien Wachstumsdogma so lange fest, bis noch das allerletzte Land der Erde auf den wachstumskapitalistischen Weg eingeschwenkt war. Und alle börsennotierten Unternehmen finden es völlig unbekümmert um Zukünftigkeit super, wenn sich immer noch mal neue Märkte auftun, die man mit längst antiquierten Verkehrsmitteln und patentiertem Saatgut fluten kann. Und damit vorhandene Lebens- und Wirtschaftsweisen und das damit verbundene Wissen zum Verschwinden bringt. 

Wie wir illusionäre Welten aufbauen

Dass wir in einer Gesellschaft leben, in der man darüber hinaus lernt, seinem Wissen nicht zu glauben, hat damit zu tun, dass Macht und Interessen ungleich sind, vor allem aber ungleiche Durchsetzungschancen haben. Denn natürlich haben reiche Gesellschaften, ihre wirtschaftlichen und politischen Eliten, aber auch ihre im Weltvergleich sehr gut gestellten Bewohnerinnen und Bewohner keinerlei Interesse an Umverteilung. Sie haben auch wenig Interesse an Veränderung, wenn sie Geld kostet. Und schon gar kein Interesse haben sie an Störungen ihrer Weltbilder, weshalb sie erheblichen Aufwand treiben, illusionäre Welten aufzubauen. 

Solche Welten werden zum Beispiel errichtet, indem man Jahr für Jahr Klimakonferenzen veranstaltet und dort fiktionale Ziele einer ebenso fiktionalen „Weltgemeinschaft“ verabredet. Oder indem man Institute, Thinktanks, Lehrstühle und Ministerien erfindet, von denen man sagen kann, dass sie sich mit dem Klimawandel befassen. Klar: Alle diese Aktivitäten, die zum Teil sehr ressourcenaufwendig sind (wie beispielsweise die Klimakonferenzen), wirken nicht positiv auf die Entwicklung des Klimasystems, aber sie schaffen die Illusion, dass das Problem bearbeitet wird. Und während alle diese Aktivitäten stattfinden, die die Illusion erzeugen, dass ein Problem bearbeitet wird, wird exakt dieses Problem (in Gestalt von kontinuierlich anwachsenden CO2-Emissionen) von Jahr zu Jahr größer. 

Mojib Latif, ein Meteorologe und Klimaforscher, hat im Hitzesommer 2018 gesagt, dass es de facto keine Klimaschutzpolitik gebe. Gäbe es sie, müssten die Emissionen ja sinken oder wenigstens nicht mehr ansteigen. Das ist eine einfache, klare, nachvollziehbare Aussage, mit jeder Emissionsstatistik belegbar. Sie steht gegen jede Reklame, man arbeite intensiv daran, den gefährlichen Klimawandel abzuwenden. Man könnte auch sagen: Es ist eine realistische Aussage, sie beschreibt einen existierenden Sachverhalt. Damit kündigt sie das Einverständnis mit der großen Illusion auf, die gemeinsam aufrechterhalten wird, ein Akt psychologischer Selbstermächtigung. „Den Wahn“, hat Sigmund Freud einmal gesagt, „erkennt natürlich niemals, wer ihn selbst noch teilt.“ Und Ivan Illich hat noch einen draufgesetzt: „Wenn Verhalten, das zum Wahnsinn führt, in einer Gesellschaft als normal gilt, lernen die Menschen, um das Recht zu kämpfen, sich daran zu beteiligen.“[4]

Für eine Art Wirklichkeitsgymnastik – gegen unser herrschendes Wahnsystem

Gesellschaften unseres Typs und insbesondere die zugehörigen Wirtschaften haben tatsächlich ein Wahnsystem entwickelt, dem die allermeisten zustimmen und das sich durch die ungebrochene Zustimmung weiter und weiter bestätigt. Wer noch nicht dabei ist, kämpft darum, dabei zu sein. Aussteigen aus dem Wahn kann man nur, wenn man einen Betrachterstandpunkt findet, der nicht innerhalb des Wahnsystems liegt, sondern außerhalb. Lassen Sie uns diesen Standpunkt einnehmen und die Sache mit therapeutischem Blick betrachten. Wir sehen die Illusionen, die die Akteure aufrechterhalten, wir sehen die Suchtstrukturen, wir sehen die unablässigen Trainings in Jobs, Werbung, Freizeit, die die Menschen für die Sucht konditionieren. 

Lassen Sie uns das als etwas betrachten, was man therapieren kann. Den Menschen kann geholfen werden, da wieder herauszukommen. Dafür braucht es ein anderes Trainingsprogramm, eine Art Wirklichkeitsgymnastik. Das liegt im Aussteigen aus dem großen Experiment und im Entwerfen anderer, kleinerer Experimente. Solche Erprobungen gelingender Zukunft haben den Realismus auf ihrer Seite: Denn viele von ihnen können ja gelingen, was das große Experiment nicht kann. Deshalb ist es unrealistisch, es fortzusetzen, und realistisch, andere Dinge zu versuchen. 

Und noch etwas: Man kann dabei auf vielem aufbauen. Die Vorstellung, man müsse erst mal den Kapitalismus abschaffen, die weltweite Ungerechtigkeit beseitigen, das Klimaproblem lösen, bevor man beginnen kann, Dinge zu verändern, ist komplett blödsinnig. Viel eher kann man den Kapitalismus bändigen, die Ungerechtigkeit abmildern und das Klimaproblem entschärfen, wenn man sich nicht zu viel vornimmt, das dann aber konkret angeht und zur Wirklichkeit werden lässt. Realismus heißt auch: im Rahmen seiner Möglichkeiten und seiner Reichweite Dinge verändern. 

In öffentlichen Diskussionen fragt immer jemand: Wollen Sie den Chinesen und den Indern verbieten, sich Autos zu kaufen? Wollen Sie zurück in die Höhle? Brauchen wir eine Ökodiktatur? Das sind Geisterdiskussionen. Wenn hunderte Millionen Chinesen in die Mittelklasse aufsteigen und die Konsumstile der reichen Länder übernehmen, dann kann ich das nicht ändern. Warum nicht? Weil es die Chinesen nicht interessiert und sie ihre eigene Geschichte machen. Genauso wenig steht es in meiner Macht, die Menschheit zurück in die Steinzeit zu beamen oder die Ökodiktatur einzuführen. Über Dinge zu diskutieren, die niemand veranlassen kann, ist reine Zeitverschwendung. Wohl aber kann man an einem Pfad arbeiten, der vor dem Desaster abbiegt. Das ist ein politisches und kulturelles Projekt, das sich nicht an der naturwissenschaftlichen Mitteilung orientieren kann, dass „wir“ keine Zeit mehr für einen solchen Pfadwechsel haben. Soziale Prozesse haben ihre eigenen Zeitlogiken, die lassen sich nicht wissenschaftlich beschleunigen, auch wenn man es noch so gerne hätte. 

Plädoyer für die kleinstmögliche Zustandsveränderung – statt der Großen Transformation

Statt also Menschen damit zu entmutigen, dass es eh zu spät sei, was immer sie auch unternehmen, sollte man sie zur Veränderung gerade anstiften – sie haben ja Handlungsspielräume. Das eigene Handeln muss dafür seinen Bezug im tatsächlich Veränderbaren haben und nicht irgendwo sonst. Wenn es diesen – realistischen – Bezug nicht gibt, führt man jahrelang Geisterdiskussionen, verändert aber währenddessen null Komma gar nichts, und schon überhaupt nicht zum Besseren. Große Utopien sind dagegen gefährlich, wie die Geschichte gezeigt hat, weil es immer Menschen gibt, die sich Beglückungen von oben nicht fügen wollen oder können. Und wenn sie nicht per Staatsstreich, Machtergreifung oder Revolution in die wirkliche Welt übersetzt werden, bleiben sie oft seltsam losgelöst – ein Gedankenspiel im Konjunktiv: Schöner wär’s, wenn’s schöner wär. 

Wenn es übrigens eine postrevolutionäre Lehre gibt, dann liegt sie darin, dass auch revolutionäre Ordnungen immer auf das bauen, was an Mentalitäten, Infrastrukturen, Ressourcen vorhanden ist. Revolutionen thematisieren, was umgestürzt wird, nicht, was diesen Umsturz trägt. Aber Sprache, Gewohnheiten, Traditionen, informelle Ordnungen werden ja ebenso wenig wie Infrastrukturen einfach ausgetauscht, wenn ein neues Regime die Macht antritt (es sei denn, man versucht, wie die Roten Khmer, ein „neues Volk“ zu schaffen, und endet in einem Inferno archaischen Mordens). 

Aus dieser Grundierung der sozialen Welt, dem Eigensinn der Menschen und ihrer Geschichte, kann das utopische Denken etwas lernen: dass genau darin nämlich eine wichtige Ressource für eine Gesellschaft für freie Menschen liegt. Man muss darauf schauen, auf und mit was man weiterbauen kann, und darf sich nicht auf das fixieren, was einem so dringend veränderungsbedürftig erscheint. Was viel hilfreicher ist: zu sortieren, was vom bisherigen Verlauf des zivilisatorischen Projekts sich als brauchbar und weiterführend erwiesen hat, was man neu dazukombinieren muss und was man dringend loswerden muss. Es kommt auf eine neue Kombinatorik an, nicht auf eine „neue Gesellschaft“, schon gar nicht auf den „neuen Menschen“. 

Einer der Begriffe, die in der Gegenwart am meisten falsch verwendet werden, ist der des „Quantensprungs“. Man benutzt diesen Begriff, um anzuzeigen, dass jetzt aber etwas ganz Gravierendes, Disruptives, Grundstürzendes eingetreten ist; auf keinen Fall weniger! In der Quantentheorie bezeichnet dieser Begriff aber die kleinstmögliche Zustandsveränderung, die zu einem „Sprung“ in einem System führt. Physikalisch handelt es sich dabei eher um Überlagerungen von Zuständen und um Übergänge als um Sprünge, weshalb der Begriff dort gar nicht mehr in Gebrauch ist, dafür aber inflationär im Marketing, in der Werbung und in der Politik verwendet wird. Die kleinstmögliche Zustandsveränderung: Das hat doch eine ganz andere Poesie als die „Große Transformation“, die „Große Utopie“, die „Große Revolution“. Sie macht das eigene Handeln angesichts der großen Aufgabe nicht klein; sie entwertet auch nicht, was man mit begrenzter Reichweite macht, was nicht gleich „skalierbar“ auf Weltniveau ist. 

Kleinstmögliche Zustandsveränderung kann jede und jeder, sofern Freiheit und Handlungsspielräume gegeben sind. Und das sind sie. Dafür hat das zivilisatorische Projekt gesorgt, auf dessen Geschichte wir stehen und aufbauen können. Wir müssen nicht von vorn anfangen. Wir müssen nur anfangen. 

Die vier Gesetze der modularen Revolution

Dafür müssen wir vier Dinge beherzigen.

Die Verbesserung der Welt kann man nicht delegieren, die muss man selbst machen. 

Im Unterschied zum Kauf einer Ware bekommt man für Weltverbesserungsversuche keine Quittung; man kann sie nicht zurückgeben, wenn sie nicht funktioniert haben. 

Mehrheiten gehen immer mit dem Wind. Sie schließen sich an, wenn man das Richtige überzeugend vorführen kann. 

Um etwas Richtiges überzeugend vorführen zu können, muss man es überzeugend vorführen können. 

Das sind die vier Gesetze der modularen Revolution. Was aber heißt „modulare Revolution“? Das Weiterbauen am zivilisatorischen Projekt ist eine kombinatorische Arbeit, keine Revolution – schließlich bauen wir ja auf vielen Elementen auf, die – wie die Gewaltenteilung, das Wahlrecht oder die Rechtsstaatlichkeit usf. – bewahrt und gerade nicht verändert oder gar aufgegeben werden sollen. 

Deshalb geht es auch um keine „große Transformation“, sondern um ein modulares Projekt aus sehr vielen kleinen Transformationen, die im Idealfall zusammenwirken und konkrete Utopien bilden. Zudem haben uns das 20. Jahrhundert genauso wie technische Großutopien (wie etwa die zivile Nutzung der Atomenergie) darüber belehrt, dass Masterpläne zur Beglückung der Menschheit in der Regel tödliche Folgen haben. Das zivilisatorische Projekt ist nicht geschlossen, sondern offen, und es hat weder ein vorab fixiertes Endziel noch gar eine Endlösung. Es muss unter sich verändernden Bedingungen und Anforderungen flexibel weiterbaubar sein, mit Fehlern und Kollateralschäden rechnen, also korrigierbar sein. 

Daher darf es, im Unterschied zur alten Moderne, kein Expertenprojekt sein, das technische und wissenschaftliche Eliten entwerfen und das die Politik dann über die Lebenswelt legt, sondern es muss in den Lebenswelten entworfen und erprobt werden. Fünftens überzeugen die einzelnen Entwürfe und Erprobungen nicht dadurch, dass es schön wäre, wenn es sie gäbe, sondern dadurch, dass es sie gibt, dass man sie anschauen, ausprobieren, erleben kann. Die Gesamtheit dieser angewandten „kleinen Transformationen“ oder konkreten Utopien ergibt modulare Revolutionen, ein Mosaik gelingender Verbesserungen der Welt – eben nicht die Verbesserung der Welt. Und die eine große Utopie wird zur Heterotopie – zu vielen Geschichten an vielen Orten.[5]

Für mehr attraktive Bilder, die an Träume und Geschichten anknüpfen

Das alles ist machbar. Es gibt nur noch ein Problem: Die Utopie bleibt eben blutleer, wenn sie nicht in ein Zukunftsbild, oder besser: viele Zukunftsbilder übersetzt und anschaulich und damit erstrebenswert wird. Man muss ja dort hinwollen können, und dafür braucht es attraktive, reizvolle, anziehende Bilder und Vorstellungen, die an Träume und Geschichten anknüpfen, die Menschen sowieso haben. 

Die Raumfahrt der 1960er Jahre war deshalb faszinierend, weil sie an das Zeitalter der Entdeckungen, an die Sehnsucht nach Ferne und Abenteuer andockte, die immer schon Quelle von Faszination war, seit der Odyssee. Das Space-Age prägte auch eine eigene, technoide Ästhetik aus. Die 68er-Kulturrevolution konnte an jene Träume vom besseren und friedlicheren Zusammenleben anknüpfen, die im 19. und 20. Jahrhundert aus Romantik, Naturbewegung, bündischer Jugend und Friedensbewegung hervorgegangen waren. Besonders die Hippie-Bewegung entwickelte einen Lebensstil, der sich extrem von der Normalgesellschaft absetzte; eine zentral wichtige Rolle spielten die Musik und die Festivals: große, international kommunizierte Anlässe von Vergemeinschaftung. Währenddessen und danach kamen die postkolonialen Befreiungsbewegungen, ebenfalls mit einer eigenen Ikonographie, die Anti-Apartheits-Bewegung in Südafrika und die Bürgerrechtsbewegung in den USA, die Ökobewegung und, natürlich, die Frauenbewegung. Sie alle konnten an jene Freiheits- und Gerechtigkeitsideale anknüpfen, wie sie seit der Aufklärung nicht nur in den Wunschhaushalten, sondern auch in modernen Verfassungen formuliert waren, aber nicht für alle auch Wirklichkeit geworden waren. 

Und genau hier findet sich ein entscheidendes Bewegungsmoment: Dort, wo die Widersprüche zwischen den Selbstansprüchen einer Gesellschaft und ihrer Praxis zu groß werden, dort entwickelt sich Widerstand. Das ist ein Anknüpfungspunkt für die Politik des Utopischen – in den reichen Gesellschaften am ehesten dort, wo das Ökologische dem Ökonomischen immer nachgeordnet wird und, wie beim Klimawandel, konkrete Überlebensgefährdungen sichtbar und erfahrbar werden. In diese Widersprüche muss man hinein und zeigen, wie es anders geht. In den Formen solchen Widerstands gegen die Fortschreibung des Bestehenden ergibt sich zugleich die gelebte Erfahrung von Veränderung – man bewegt sich ja selbst, zusammen mit anderen, und erlebt dabei die Normalgesellschaft von einer neuen Warte aus: Alles könnte anders sein.

Der Beitrag basiert auf „Alles könnte anders sein. Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen“, dem neuen Buch von Harald Welzer, das soeben im S. Fischer Verlag erschienen ist.

 


[1] Claudius Seidl, Der Mann aus der Zukunft, in: Dana Giesecke u.a. (Hg.), Welzers Welt. Störungen im Betriebsablauf, Frankfurt a. M., S. 374 ff.

[2] Ebd., S. 375.

[3] Ebd., S. 377.

[4] Zit. nach Marianne Gronemeyer, Die Grenze, München 2018, S. 117. 

[5] Der im Stalinismus zum Tode verurteilte und hingerichtete sowjetische Ökonom Nikolai Kondratieff (der die Theorie aufgestellt hatte, dass die kapitalistische Entwicklung jeweils in Zyklen von etwa 50 bis 60 Jahren verläuft [„Kondratieff-Zyklen“]), hat die folgenden Notizen hinterlassen: „1. Ein goldenes Zeitalter des Kapitalismus gibt es nicht. 2. Die meisten Organisationen, in denen sich Menschen kollektiv wehren können, besitzen keine eigene Produktionsstruktur. Im Ernstfall sind sie erpressbar. 3. Wir müssen nach Organisationen der Solidarität suchen, die eine eigene Produktionsstruktur besitzen. Es gibt sie. In ihnen können Menschen sich nicht nur verteidigen, sondern [ohne ein System direkt anzugreifen] autonome Alternativen dagegensetzen. Nicht Utopie, sondern Heterotopie.“ Zitiert nach Alexander Kluge, „Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter.“ 48 Geschichten für Fritz Bauer, Berlin 2013.

(aus: »Blätter« 4/2019, Seite 53-64)
Themen: Kapitalismus, Globalisierung und Neoliberalismus

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