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Der Aufstand der Gelbwesten: Eine rechte Revolte?

von Steffen Vogel

Lange hat keine Protestbewegung eine französische Regierung mehr so erschüttert wie derzeit die Gilets Jaunes. Was mit dem Aufbegehren gegen eine Dieselsteuer begann, mündete in Plünderungen und Straßenschlachten von lange nicht gekannter Heftigkeit. In den Medien werden bereits Vergleiche mit dem Mai 1968 beschworen. 

Unter expliziter Billigung von Innenminister Christophe Castaner ging aber auch die Polizei teilweise mit enorme Härte gegen die Gelbwesten vor. So verloren seit Beginn der Proteste am 17. November 2018 mehrere Dutzend Menschen durch Hartgummigeschosse ein Auge, darunter auch völlig unbeteiligte Passanten. Andere büßten Finger, Hände oder Füße ein, als in ihrer Nähe Tränengasgranaten explodierten.[1] Trotz der Gewalt auf den Straßen finden die Proteste kein Ende: Noch immer stehen relevante Teile der Bevölkerung hinter den Gelbwesten, der Druck auf Emmanuel Macron bleibt hoch.

Wie beunruhigt die Regierung ist, zeigt sich schon am Aufwand, den sie nach anfänglichem Abwarten betrieben hat, um die aufgebrachte Stimmung zu beruhigen: Erst kassierte Macron die umstrittene Kraftstoffabgabe, dann ließ er am 13. Januar allen französischen Haushalten einen offenen Brief zustellen. Schließlich reisten der Präsident und seine Minister vom 15. Januar bis zum 15. März wochenlang durchs Land und diskutierten beim Grand débat national teils stundenlang mit Bürgermeistern oder Jugendlichen. „Niemals hat sich der Staat angesichts einer Bewegung dieser Art dermaßen kollektiv mobilisiert“, bilanzierte Macron durchaus selbstzufrieden.[2]

Doch weder die 10 000 Diskussionsveranstaltungen, an denen sich immerhin eine halbe Million Menschen beteiligten, noch die angekündigten scharfen Maßnahmen gegen gewalttätige Demonstranten („Loi casseur“) haben die Lage grundlegend beruhigen können. Im Gegenteil: Die Ergebnisse der großen nationalen Debatte waren noch nicht verkündet, da zogen am 16. März erneut Rauchschwaden über die Champs Élysées: Gelbwesten hatten auf dem Pariser Prachtboulevard unter anderem ein Luxusrestaurant und eine Bank im Untergeschoss eines Wohnhauses in Brand gesetzt. 

Immer wieder ist die Bewegung durch ihre radikale Unversöhnlichkeit aufgefallen – und durch den Hass gegen die französischen Eliten, die sie regelrecht zu Feinden erklärt hat. Besonders drastisch zeigte sich dies Mitte Februar, als Gelbwesten am Rande ihrer Demonstration den Philosophen Alain Finkielkraut bedrängten und antisemitisch beschimpften. Der 69jährige wurde als „dreckiger Zionist“ geschmäht, den das Volk „bestrafen“ werde, begleitet von dem Ausruf „Frankreich gehört uns!“[3]

Dennoch will ein Teil der französischen Linken – aber auch einige ihrer deutschen Genossinnen und Genossen, darunter prominent Sahra Wagenknecht – in den Gilets Jaunes vor allem eine klassenkämpferische Bewegung der Unterprivilegierten sehen. Bei näherer Betrachtung erweist sich das allerdings als gefährliche Illusion: Diese Bewegung befördert weniger die soziale Gerechtigkeit als eine Abwendung vom republikanischen Konsens. Unter dem Gelb der Warnwesten findet sich, neben dem Rot, auch sehr viel Braun.

Ein Frankreich der zwei Geschwindigkeiten

Unbestreitbar ist zunächst, dass die Gelbwesten vor allem im unteren und mittleren Drittel der Bevölkerung auf großen Zuspruch stoßen. So stehen 70 Prozent der Arbeitslosen hinter ihnen, während im oberen Drittel der Gesellschaft die Ablehnung überwiegt. Auf der Straße finden sich, anders als bei Gewerkschaftsprotesten, kaum Schüler und Studierende sowie wenig Rentner – sie alle stehen den Gelbwesten eher skeptisch gegenüber. Das Rückgrat der Bewegung bilden zumeist Berufstätige mittleren Alters.[4] Es protestieren also weniger die bereits Abgehängten als jene, die sich vom Absturz bedroht fühlen. Doch erkennen sich viele Französinnen und Franzosen mit ihrem Leiden an der Gesellschaft in den Gelbwesten wieder.[5]

Es sind die immer weiter auseinanderklaffenden Lebensverhältnisse, die diese Bewegung anheizen. Wie der Ökonom Thomas Piketty vorrechnet, ist in Frankreich das Durchschnittseinkommen des reichsten Prozent zwischen 1983 und 2015 inflationsbereinigt um 100 Prozent gestiegen, das reichste 0,1 Prozent durfte sich gar über einen Zuwachs von 150 Prozent freuen. Dagegen erfuhr der Rest der Bevölkerung nur einen Anstieg um 25 Prozent. Das bedeutet: Ein Fünftel des gesamten Wachstums jener Jahrzehnte entfiel auf das reichste eine Prozent – dessen Anteil lag damit knapp über jenem der gesamten ärmeren Hälfte der Bevölkerung.[6] Die Ungleichheit im Land spiegelt sich selbst in der Lebenserwartung: Ein Arbeiter stirbt heute im Schnitt sechs Jahre früher als ein leitender Angestellter.[7]

Auch die Arbeitslosigkeit lag in den letzten zehn Jahren nie unter neun Prozent, erst im vierten Quartal 2018 sank sie knapp unter diese Marke. Unter Jugendlichen ist sogar jeder Fünfte erwerbslos. 14 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze. All dies kontrastiert mit einer ausgeprägten Elitenkultur: Im zentralistischen Frankreich konzentrieren sich die Spitzen der Gesellschaft in Paris. Staatliche Institutionen, Firmenzentralen, Mediengesellschaften oder Verlagshäuser residieren ganz überwiegend in der Hauptstadt, genauso wie die Spitzenunis. Aus den Grandes Écoles, die überwiegend von den Kindern des gehobenen Bürgertums besucht werden, rekrutiert sich neben Managern und Wissenschaftlern auch der „Staatsadel“ (Pierre Bourdieu) in Verwaltung, Militär und Politik. 

Daher rührt nicht nur bei den Gelbwesten ein gewisses Ressentiment gegen Paris. Doch anders als zuweilen dargestellt, handelt es sich bei dieser Bewegung nicht um ein Aufbegehren der Provinz. Denn die Demonstranten kommen nicht nur vom Land, sondern generell aus vernachlässigten Gegenden, die wirtschaftlich hinter den Großstädten zurückbleiben, darunter auch die städtische Peripherie. Sie fürchten, wie der Vorsitzende der Regierungspartei La République En Marche (LREM), Stanislas Guerini, richtig bemerkt, „ein Frankreich der zwei Geschwindigkeiten“.[8]

Doch resultieren aus den unterschiedlichen Wohnlagen auch unterschiedliche Forderungen: Die Gelbwesten im ländlichen Raum wollen eher mehr Staat, in Gestalt von öffentlichen Diensten. Diese sind dort seit Jahren auf dem Rückzug, sichtbar etwa an Bahnhöfen, die von der staatlichen SNCF nicht mehr angefahren werden. Die Protestierenden in der städtischen Peripherie dagegen tendieren zu weniger Staat, insbesondere geringere Steuern.[9] Wegen der geplanten Dieselabgaben stand die Steuerfrage zwar von Anfang an im Mittelpunkt, sie wird aber von der Bewegung nicht einheitlich beantwortet. Während die einen generell steuerfeindlich sind, pochen andere auf Steuergerechtigkeit: Sie stoßen sich daran, dass Macron die Reichen mit der Abschaffung der Vermögensteuer um 3,2 Mrd. Euro jährlich entlastete, gleichzeitig aber mit der Abgabe auf den Diesel eine allgemeine Steuer anhob, die insbesondere Ärmere trifft, die aufs Auto angewiesen sind. 

In eine ähnliche Richtung zielen die verschiedenen Forderungskataloge der Gelbwesten, die unter anderem auf Facebook zirkulieren. Sie sind aus lokalen Debatten in der Bewegung hervorgegangen und geben nur die konsensfähigen Positionen wieder. Zu den wichtigsten Punkten gehören dabei die Erhöhung der Kaufkraft, die Wiedereinführung der Vermögensteuer, die Anhebung des Mindestlohns und die Senkung des Renteneintrittsalters. Das steht im Kontrast zu klassenkämpferischen Parolen, die auf den samstäglichen Demonstrationen zu hören sind: „Zittert, kapitalistische Dinosaurier, die Welt wird sich ändern“ oder ganz drastisch: „Tod den Reichen“. Dennoch sind die Gelbwesten überwiegend nicht antikapitalistisch, vielmehr wurzelt ihr klassenkämpferischer Gestus in aufgestauter Enttäuschung über die Politik und einem zutiefst verletzten Gerechtigkeitsempfinden.

Auch deswegen konnte Macron den Konflikt nicht allein durch die Rücknahme der Dieselsteuererhöhung beilegen. Einen Kurswechsel will er aber auch nicht vornehmen, würde dieser doch sowohl mit seinem Image als konsequenter Reformer kollidieren als auch mit seinem eigentlichen politischen Projekt, das ganz in der Tradition des neoliberalen dritten Wegs steht: Macron will Wachstum generieren, indem er den Unternehmern Anreize setzt, etwa durch Steuersenkungen, flexibilisierte Arbeitsbedingungen und Privatisierungen. Daher machte er am 13. Januar in einem Brief an alle Haushalte auch deutlich, dass bei aller Dialogbereitschaft bestimmte Punkte nicht verhandelbar seien – dazu zählt ausgerechnet die von vielen Gelbwesten geforderte Wiedereinführung der Vermögensteuer.

Ein Teil der Bewegung strebte jedoch von Beginn an keine konkreten Veränderungen an, sondern gleich den totalen Bruch mit der Elite in Paris. Das gilt insbesondere für zwei Gruppen, die seit Beginn der Bewegung nebeneinander protestieren: organisierte Neofaschisten und anarchistische Gruppen. Schon die Blockaden an den Kreisverkehren bemannten sie zwar nicht gemeinsam, wohl aber zeitgleich. Erstaunlich selten bekommt diese faktische, wenn auch unerklärte Querfront Risse: In Lyon griffen im Februar rechtsextreme Gelbwesten den anti-rassistischen Teil des Demonstrationszuges an; die Bilder sich prügelnder Gilets Jaunes gingen um die Welt. Kurz danach attackierten Autonome in Paris einen Ordnerdienst der Gelbwesten unter Führung eines Identitären, der sich zuvor auf russischer Seite als Söldner in der Ostukraine verdingt hatte.[10] Solche Konfrontationen bleiben aber die Ausnahme bei dieser zutiefst befremdlichen Koexistenz. 

Doch selbst jene Mehrheit der Gelbwesten, die politisch unorganisiert ist, lehnt jedwede Form von Repräsentation grundsätzlich ab. Das geht über ein einfaches Misstrauen gegenüber Regierung, Parteien oder Gewerkschaften hinaus und äußert sich oftmals in regelrechter Feindseligkeit. Journalisten beispielsweise werden von den Aktivisten häufig als Gegner wahrgenommen und als „merdias“ attackiert – zusammengesetzt aus „merde“ (Scheiße) und „médias“ (Medien), eine Wortschöpfung der extremen Rechten.[11] Dementsprechend organisieren sich die Gelbwesten nicht nur über Facebook, sondern informieren sich auch vorzugsweise dort und in anderen sozialen Medien – oder gleich beim französischen Ableger von „Russia Today“.

Kritik an der Repräsentation ist allerdings keine Erfindung der Gelbwesten, sondern prägte schon 2016 die Bewegung Nuit debout, einen überwiegend jugendlichen Protest, der ebenfalls auf Abstand zu den Institutionen ging und keine Anführer akzeptierte.[12] Doch wo Nuit debout eher spielerisch, friedlich und libertär auftrat, sind die Gilets Jaunes oft schroff, aggressiv und autoritär. Sie pflegen zuweilen einen regelrechten Hass gegen alles Etablierte und selbst gegen jene aus den eigenen Reihen, die auch nur im Verdacht stehen, sich etablieren zu wollen. Das musste etwa Ingrid Levavaseur, eines der Gesichter der Bewegung, ganz buchstäblich am eigenen Leib erfahren: Nach ihrer Ankündigung, bei der Europawahl mit einer Gelbwesten-Liste antreten zu wollen, wurde sie im Februar zwei Samstage in Folge bei Demonstrationen sexistisch beschimpft und körperlich angegriffen. Die Einschüchterungen zeigten Wirkung: Mittlerweile hat Levavaseur ihre Kandidatur zurückgezogen.

Siesteht zugleich sinnbildlich für ein weiteres Problem dieser Bewegung: Auch nach mehreren Monaten haben es die Gelbwesten nicht geschafft, wenigstens einen politischen Minimalkonsens zu erarbeiten. Levavaseur etwa fällt durch konkrete Reformvorschläge auf und hat nach eigenen Angaben bei den letzten Präsidentschaftswahlen zuerst den Sozialisten Benoît Hamon, dann Macron gewählt. Doch auf ihrer ursprünglichen Europawahlliste stand auch Christophe Chalençon – der öffentlich fabulierte, die Regierung könne durch einen Putsch von „Paramilitärs“ beseitigt werden. International bekannt wurde er, als der italienische Vizepremier Luigi Di Maio – der nicht ganz ohne Grund Ähnlichkeiten zwischen seiner Fünf-Sterne-Bewegung und den Gelbwesten erkennt – ausgerechnet ihn durch ein Treffen adelte. Macron zog als Reaktion auf diesen beispiellosen Affront temporär den französischen Botschafter aus Rom ab – erstmals seit 1945.[13]

Militanz statt Konsens

Die Militanz, von der Leute wie Chalençon träumen, leben andere Gelbwesten offen aus. Generell sind bei französischen Protesten zwar Grenzüberschreitungen und selbst Gesetzesverletzungen nicht ungewöhnlich. Solange dies in einem gewissen Rahmen bleibt, wird es staatlicherseits sogar toleriert; denn selbst Praktiken, die aus deutscher Sicht radikal wirken, etwa das sogenannte Bossnapping, folgen zumeist informellen Regeln. Bei den Gelbwesten ist das jedoch anders. Hier bricht sich eine Gewalt Bahn, die keine rituelle Kraftprobe ist, sondern von unversöhnlicher Ablehnung kündet. 

Das zeigt sich in den wiederholten Verwüstungen auf den Champs Élysées oder im Brandanschlag auf die Präfektur in Le Puy-en-Velay, es entlädt sich aber auch in Übergriffen auf die Vertreter der Regierungspartei LREM. So erhielt der Abgeordnete Benoit Potterie einen Brief, in dem eine Patrone lag, begleitet von der Drohung: „Nächstes Mal bekommst Du die zwischen die Augen.“[14] Noch ärger erging es seinem Parteikollegen Bruno Questel: Am 15. Dezember 2018 protestierten Gelbwesten unweit des Hauses seiner Familie. Als Questel abends die Tür öffnete, gaben Unbekannte sechs Schüsse auf ihn ab. Zwar blieb der Politiker unverletzt, aber seitdem geht bei vielen seiner Amtskollegen und bei Unternehmern die Angst um.[15]

Besonders bezeichnend ist aber auch, gegen welche Symbole sich die Zerstörungswut richtet. So wurden etwa Statuen der Marianne beschädigt. Diese Frauenfigur mit phrygischer Mütze steht als Büste in Schulen, Rathäusern und Parlamenten. Sie verkörpert die revolutionäre Freiheit, die das Volk auf den Barrikaden erkämpft hat und die dann in der Republik institutionalisiert wurde. Daher haben sich frühere Protestbewegungen diese Figur oft angeeignet, seien es Katholikinnen, die gegen die Ehe für alle demonstrierten, seien es Kommunistinnen bei Kundgebungen gegen Sozialabbau. Indem sie das Marianne-Kostüm überstreiften, beanspruchten sie einerseits, die revolutionären Werte besser zu vertreten als die Regierung, schrieben sich aber auch symbolisch in die republikanische Ordnung ein. Die Zerstörung einer solchen Statue ist somit kein bloßer Vandalismus sondern vielmehr ein bewusster Bruch mit den Werten des französischen Staates.

Trotz alledem wussten die Gelbwesten über Wochen eine Mehrheit der Französinnen und Franzosen hinter sich, teilweise bis zu 75 Prozent. Und selbst wenn diese Mehrheit langsam schwindet, finden es viele offenbar noch immer hinnehmbar, dass hier eine Bewegung die Werte der Republik angreift. Eine vergleichbare Zerstörungswut gegenüber öffentlichen Gebäuden und Privatwagen erlebte das Land zuletzt bei den Banlieue-Unruhen von 2005. Diesen begegnete eine große Mehrheit allerdings mit dem Ruf nach der harten Hand des Staates. Die Frankreich-Korrespondentin der „Süddeutschen Zeitung“, Nadia Pantel, bemerkt daher treffend: „Eine der Lehren aus den Gelbwesten-Wochen lautet: Wenn weiße Franzosen Molotowcocktails werfen, dann stehen die Unterdrückten auf. Wenn Jugendliche mit arabischen Nachnamen Schaufensterscheiben zertrümmern, dann randaliert ein Mob, der kein anderes Ziel kennt als Zerstörung.“[16]

Auf diese Weise hat die Bewegung inzwischen eine Politisierung angestoßen, die über den überschaubaren Kreis der Aktiven hinaus milieuprägend wirkt – allerdings in eine anti-liberale Richtung. So unterschreiben laut einer Umfrage 71 Prozent der vehementesten Unterstützer der Gelbwesten die Aussage, der Islam sei eine Bedrohung für die Republik.[17] Laut einer weiteren Umfrage neigen die Anhänger der Bewegung überdurchschnittlich stark zu Verschwörungstheorien. Das beginnt mit eher harmlosen Vorstellungen wie jener, der Autounfall von Lady Diana sei in Wirklichkeit ein fingierter Mord gewesen. Es gilt aber auch für dezidiert rechte Auffassungen: 46 Prozent der Gelbwestenanhänger – gegenüber immerhin 25 Prozent in der Gesamtbevölkerung – glauben demnach an das zentrale rechtsradikale Phantasma vom „großen Austausch“ (Renaud Camus), wonach „die Eliten“ systematisch die europäische Bevölkerung durch Einwanderer ersetzen wollen würden. Selbst die antisemitische Mär, es existiere eine „große zionistische Weltverschwörung“ ist unter Gelbwestenanhängern doppelt so oft anzutreffen wie in der Gesamtbevölkerung (44 gegenüber 22 Prozent).[18] Vor diesem Hintergrund sind die Verbalinjurien gegen Alain Finkielkraut alles andere als ein Zufall.

Einige Gesichter der Bewegung äußern sich ganz offen verschwörungstheoretisch. Maxime Nicolle etwa, der auf Facebook als „Fly Rider“ auftritt und dessen selbstproduzierte Videos dort hunderttausendfach gesehen werden, bezweifelte etwa, dass es sich beim Angriff auf den Straßburger Weihnachtsmarkt am 11. Dezember 2018 tatsächlich um einen islamistischen Terroranschlag gehandelt habe. Stattdessen machte er raunende Andeutungen über eine Urheberschaft der Regierung, die damit von den Gelbwesten ablenken wolle, wovon er sich später nur halbherzig distanzierte.[19] Nicolle, der die Teilnahme an Wahlen schlicht für „Verrat“ hält, gehört nach dem Rückzug von Gemäßigten wie Levavaseur zu den prominentesten Vertretern der Gelbwesten. 

Verwundern kann der Zuspruch zu Verschwörungstheorien nicht, fügen sie sich doch nahtlos in das manichäische Weltbild der Bewegung: hier die korrupte, übelwollende Elite aus Politik und Medien, dort das gute, betrogene Volk. Mit dieser denkbar schlichten, populistischen Geisteshaltung erinnern zumindest Teile der Bewegung weniger an den Mai 1968 als an eine noch ältere Bewegung: den Poujadismus. Diese Bewegung, benannt nach ihrem Anführer Pierre Poujade, rekrutierte sich Mitte der 1950er Jahre aus dem verarmten Kleinbürgertum. Auch sie rebellierte zunächst gegen Steuern und stellte dann sozioökonomische Forderungen, war dabei aber antiparlamentarisch und antisemitisch orientiert. Gegen innere Widerstände trat sie 1956 zur Parlamentswahl an und zog mit 52 Abgeordneten in die Nationalversammlung ein – darunter kein geringerer als der junge Jean-Marie Le Pen.[20]

Le Pen erntet

Trotz alledem will ein Teil der französischen Linken in den Gelbwesten unbeirrbar eine emanzipatorische Bewegung sehen. Während Grüne, Sozialisten und die größte Gewerkschaft CFDT deutlich auf Abstand gehen, erfahren die Gilets Jaunes eine bedingungslose Unterstützung durch La France insoumise (LFI) um Jean-Luc Mélenchon und das intellektuelle Umfeld der Partei. Dort wird die Bewegung bereits zum neuen revolutionären Subjekt geadelt. Schon dass die Herrschenden Angst hätten, sei „wundervoll“, meint etwa der Schriftsteller Edouard Louis. Der Soziologe Didier Eribon wiederum sieht in der Gewalt der Gelbwesten bloß eine Reaktion auf Polizeibrutalität.[21]

Es sagt viel über die Ratlosigkeit mancher Linker – nicht nur in Frankreich –, wenn sich zwei Intellektuelle, die in ihren Büchern schonungslos Homophobie und Rassismus in der Arbeiterklasse thematisieren, so vorbehaltlos einer Bewegung andienen, in der rassistische und antisemitische Ressentiments offenkundig blühen. 

Doch die so Umworbenen halten Abstand zu den Linkspopulisten, Mélenchon wurde bei Demonstrationen mehrfach abgewiesen. Das kann nicht verwundern, glaubt der LFI-Chef doch offenkundig, sich nach dem klassischen Muster linker Avantgarden an die Spitze der Bewegung setzen und diese sodann von dort aus instruieren zu können. Doch diese rein instrumentelle Strategie ist zum Scheitern verurteilt. Denn katholisch-konservative Milieus vom Land wenden sich für eine Protestwahl eher nicht nach links. Vor allem aber geht der gebildete und eloquente Mélenchon, der seit Jahrzehnten von der Politik lebt, nicht als Teil der Verdammten dieser Erde durch: Auch wer politisch fundamentaloppositionell ist, kann sozial zur Elite gehören, und mit dieser will die Bewegung bekanntlich nichts zu schaffen haben. 

Statt also von der Situation zu profitieren, ist Mélenchons LFI in den Umfragen massiv abgerutscht, während Marine Le Pen und ihr lange von internen Querelen erschütterter, rechtsextremer Rassemblement National in der Wählergunst wieder steigen. Ganz offenkundig haben Le Pen die Proteste der Gelbwesten in die Hände gespielt. Unter deren treusten Anhängern vertrauen ihr 44 Prozent, aber nur 27 Prozent Mélenchon.[22] Angesichts der ideologischen Affinitäten der Bewegung ist das auch nicht weiter verwunderlich. 

Der Ökosozialist Benoît Hamon bringt es auf den Punkt: „Mélenchon spricht, Le Pen erntet.“[23] Das dürfte sich auch bei der Europawahl zeigen: Einige Umfragen sehen Le Pens Partei mit rund 20 Prozent doppelt so stark wie die konservativen Les Républicaines. Selbst die bislang unbedeutende rechte Kleinpartei Debout la France („Steh auf, Frankreich“) steuert auf einen Achtungserfolg oberhalb der fünf Prozent zu.

Angesichts der Schwäche der Konservativen wie der zersplitterten Linken zeichnet sich damit ein neuerlicher Zweikampf ab. Denn auch Macron hat mit dem Grand débat Boden gut gemacht. Nachdem er teilweise auf etwas über 20 Prozent Zustimmung abgerutscht war, steht er inzwischen mit um die 30 Prozent wieder auf dem Stand vor Beginn der Proteste und ist in manchen Umfragen sogar der beliebteste Politiker (was viel über den allgemeinen Vertrauensverlust der Parteien aussagt). Macron gewinnt aber vor allem im eigenen Milieu an Zuspruch. Die Liberalen aller Couleur versammeln sich erneut verstärkt um ihn: Zuletzt sprach ihm etwa der liberale Flügel der oppositionellen Konservativen um Alain Juppé offen seine Unterstützung aus.

Ob das allerdings reicht, um den erneuten Rechtsruck aufzuhalten, in den Parlamenten wie auf der Straße, steht in den Sternen. Le Pen ist geübt in ihrer Rolle als „Anwältin der Entrechteten“ und Macron liefert – ob seines Habitus‘ und ob seines politischen Kurses – genug Steilvorlagen, um ihn polemisch als „Präsident der Reichen“ zu geißeln. Die Angst der Mächtigen, an der sich noch immer manche Linke ergötzen, könnte daher im schlimmsten Fall bald zur Angst aller Demokraten werden.

 


[1] Vgl. Jacques Pezet, Gilets jaunes: éclats de grenades, brûlures, membres arrachés… retour sur 82 blessures graves, www.liberation.fr, 11.1.2019.

[2] Vgl. Pour Emmanuel Macron, „lorsqu’on va dans des manifestations violentes, on est complice du pire“, www.ouest-france.fr, 26.2.2019.

[3] Vgl. Gelbwesten greifen jüdischen Philosophen an, www.juedische-allgemeine.de, 17.2.2019.

[4] Vgl. Luc Rouban, Les „gilets jaunes“, une transition populiste de droite, www.theconversation.com, 28.1.2019. 

[5] Vgl. Dieter Rucht, Die Gelbwestenbewegung. Stand und Perspektiven, „ipb working paper“, 1/2019.

[6] Vgl. Thomas Piketty, De l’inégalité en France, www.piketty.blog.lemonde.fr, 18.4.2017. 

[7] Vgl. Camille Renard, Sept inégalités criantes dans la France de 2017, www.franceculture.fr, 9.1.2017. 

[8] Vgl. Valérie Hacot, „Les retraites modestes doivent être réindexées à l’inflation“, www.leparisien.fr, 9.3.2019.

[9] Vgl. „Le mouvement des gilets jaunes repose sur deux clientèles différentes“, www.theconversation.com, 29.11.2018.

[10] Vgl. Pierre Tremblay, Un milicien du Donbass au service d’ordre des gilets jaunes, www.huffingtonpost.fr, 18.1.2019.

[11] Juliette Deborde, Comment „journalopes“ et „merdias“ se sont répandus sur les réseaux, www.liberation.fr, 5.1.2017.

[12] Vgl. Steffen Vogel, Nuit debout: Die Renaissance der französischen Linken, in: „Blätter“, 6/2016, S. 25-28.

[13] Vgl. Jan Busse, Zankapfel Libyen: Die italienisch-französische Eskalation, in: „Blätter“, 3/2019, S. 21-24.

[14] Vgl. Gilets Jaunes: „La politique est née en France dans la violence“, www.lepoint.fr, 29.12.2018.

[15] Bruno Rieth, Battes des baseball, „safe room“: quand grands patrons et élus se préparent à l’affrontement avec les gilets jaunes, www.marianne.net, 5.3.2019.

[16] Nadia Pantel, Links oder rechts? Ganz egal, in: „Süddeutsche Zeitung“, 11.2.2019.

[17] Rouban, Les „gilets jaunes“, une transition populiste de droite, a.a.O.

[18] Vgl. Noémie Bonnin, Attentat de Strasbourg, mort de Lady Di, grand remplacement: les „gilets jaunes“ plus perméables que la moyenne aux théories du complot, www.francetvinfo.fr, 11.2.2019.

[19] Vgl. Valentine Arama, Gilets jaunes: Maxime Nicolle, alias „Fly Rider“, prédit un „soulèvement national armé“, www.bfmtv.com, 3.1.2019. 

[20] Vgl. Bernhard Schmid, Die Rechten in Frankreich. Von der Französischen Revolution zum Front National, Berlin 1998.

[21] Vgl. „Die Herrschenden haben Angst – und das ist wundervoll“, Interview mit Didier Eribon, Edouard Louis und Geoffroy de Lagasnerie, www.republik.ch, 12.1.2019.

[22] Vgl. Rouban, Les „gilets jaunes“, une transition populiste de droite, a.a.O.

[23] Vgl. Remy Dodet, Il l’a prédite mais elle l’ignore: Mélenchon et la révolte des „gilets jaunes“, www.nouvelobs.com, 6.2.2019.

 

(aus: »Blätter« 4/2019, Seite 85-92)
Themen: Soziale Bewegungen, Europa und Rechtsradikalismus