Flucht ohne Ende | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Flucht ohne Ende

von Marc Engelhardt

Dadaab ist das größte Flüchtlingslager der Welt und liegt im dürren Nordosten Kenias. Seit bald 25 Jahren fliehen Somalis hierher, zunächst vor Bürgerkrieg und Gewalt, inzwischen vor islamistischen Terroristen. Weiter als bis Dadaab kommen sie nicht, denn Kenias Armee versperrt die Straßen in den Rest des Landes. Und so warten in Dadaab viele auf eine Zukunft, die ungewisser nicht sein könnte. Der Journalist und Menschenrechtsbeobachter Ben Rawlence hat neun Bewohner begleitet und darüber ein eindrückliches Buch geschrieben: „Stadt der Verlorenen“.

Sein Buch beginnt mit einer Sitzung im Weißen Haus. Dort soll er dem Nationalen Sicherheitsrat der USA erklären, was es mit Dadaab auf sich hat. Doch die Schilderungen des Autors, der vier Jahre mit den vorwiegend somalischen Flüchtlingen dort verbracht hat, stoßen auf taube Ohren. Er berichtet von einer wimmelnden Großstadt mit Kinos, mehreren Fußball-Ligen, Hotels und Krankenhäusern. Die Sicherheitsberater des US-Präsidenten haben jedoch nur ihr eigenes Bild im Kopf. Warum eigentlich, fragen sie, schließen sich die Flüchtlinge nicht alle der somalischen Terrormiliz Al-Schabaab an, die ihre Kämpfer so gut bezahlt? Dass Armut nicht zwangsläufig zu Extremismus führt, wie Rawlence den versammelten Sicherheitsexperten versichert, scheinen sie nicht zu verstehen. Zu unterschiedlich ist seine Erfahrungswelt, wie Rawlence schreibt: „Im Geiste sah ich die stolzen Imame vor mir, die ihre Traditionen gegen mörderische und verderbliche Einflüsse verteidigten; den entschlossenen Jugendvertreter Tawane, der sein Leben aufs Spiel setzte, um verschiedenste Angebote für Flüchtlinge aufrecht zu erhalten, nachdem Hilfsorganisationen aus Angst vor Entführungen Reißaus genommen hatten; Professor White Eyes, der im Lagerradio seine Berichte sendete. Wie konnte ich einen Eindruck von der enormen Würde, dem Mut und dem unabhängigen Geist dieser Menschen vermitteln, wenn sie in der Vorstellung der Politiker nur als potentielle Terroristen existierten? ‚Sicher, sicher’, sagte die Referatsleiterin. Es gab keine weiteren Fragen, und die Sitzung wurde frühzeitig beendet.“

Der Einstieg in das mehr als 400seitige Buch ist klug gewählt. Denn auch der hiesige Leser verbindet mit Flüchtlingslagern wie Dadaab vorgefertigte Bilder. Ein improvisierter, aber nur kurzfristiger Unterschlupf, den die Flüchtlinge bald wieder verlassen können, wenn der Krieg in ihrer Heimat vorbei ist. Dabei ist die Wirklichkeit eine drastisch andere: 1992 wurde Dadaab für ein paar tausend Flüchtlinge geplant. Heute leben fast 500 000 Menschen in der Stadt von der Ausdehnung Zürichs. Von Kurzfristigkeit kann keine Rede sein.

Ich bin selbst mehrfach in Dadaab gewesen, habe wie Rawlence mit Menschen gesprochen, die keine andere Heimat kennen als dieses Lager. Die 21jährige Sarah etwa wurde in Dadaab geboren und hat dort selber eine Tochter zur Welt gebracht. „Meine Mutter kam als Flüchtling hierher, und dann wurde ich geboren“, erzählt sie. „Ich bin das Kind und die Mutter eines Flüchtlings und selber ein Flüchtling.“ Sarah, die in einem der vier Lager lebt, die zusammen Dadaab ausmachen, würde gerne in die Heimat zurückkehren, die sie noch nie gesehen hat. Sie will nicht, dass ihre Tochter wie sie im Flüchtlingslager aufwächst. „Ich fühle mich wie eine Somalierin. Meine Eltern sind Somalier. Ich glaube fest daran, dass in Somalia eines Tages Frieden herrschen wird und ich dorthin ziehen kann. Mit der Ausbildung, die ich hier genossen habe, werde ich dazu beitragen, das Land wieder aufzubauen.“

Aber wann wird wieder Frieden herrschen in Somalia? Das ist derzeit vollkommen unklar. Die Terroristen der Al-Schabaab-Miliz kontrollieren seit mehr als sieben Jahren weite Teile des Landes. Eine Splittergruppe, die sich dem sogenannten Islamischen Staat angeschlossen hat, verübt zusätzlich Anschläge. Dessen ungeachtet hat die Europäische Union gerade ihre Unterstützung für die afrikanische Friedenstruppe Amisom, die als einzige zumindest die Städte schützt, um ein Fünftel reduziert. Ugandas Armee, die über ein Viertel der 22 000 Amisom-Soldaten stellt, will abziehen. Dabei droht vor der geplanten Wahl neue Gewalt, nicht nur von den Islamisten. In dieser hoch explosiven Lage will Kenia die Flüchtlinge von Dadaab zurückschicken: Wenn es nach dem Willen der populistischen Regierung in Nairobi geht, soll das Lager aufgelöst werden. Die Einzelschicksale von Flüchtlingen wie Sarah spielen in all diesen Planungen keine Rolle.

Ben Rawlence‘ „Stadt der Verlorenen“ indes lebt gerade von der Darstellung der Einzelschicksale. Zusammen ergeben sie ein Bild von absurder Gegensätzlichkeit: vom Leben im Schwebezustand, in dem Flüchtlinge städtische Strukturen aufbauen, die Grenzen des Lagers aber nie verlassen dürfen. Die Bewohner, vielleicht eher Insassen, kennen deshalb nichts als Dadaab, aber müssen dennoch täglich befürchten, abgeschoben zu werden. Sie arbeiten, obwohl ihnen das verboten ist, und bauen kleine Existenzen auf, sind aber immer wieder abhängig von der kargen Hilfe, die die Weltgemeinschaft ihnen zukommen lässt. Sie dürfen nicht vor und können nicht zurück.

„Allein und daher ohne Anspruch auf eine eigene Parzelle, musste Guled versuchen, eine Familie zu finden, die ihn aufnehmen würde“, schreibt Rawlence. „Manche Lagerbewohner verlangen Miete von einem alleinstehenden Mann, den sie bei sich wohnen lassen, andere einen Teil seiner Lebensmittelration. […] Hawa Jube war der rauhere Teil des Lagers, das üble Viertel. Es galt als Banditennest. […] Da die offiziellen Lager voll waren, hatten sich die Neuankömmlinge hier ausgebreitet, sich in der Wüste ihren eigenen Raum geschaffen, jenseits der vom UNHCR in den Sand gezogenen Linien. Es waren Leute aus Guleds Generation, die hier mit geröteten Augen und ruhelosem Blick eintrafen, den Krieg noch im Nacken.“ Rawlence ist schonungslos in seinen Beschreibungen. Er berichtet vom Markt, auf dem es Händler zu Dollarmillionären gebracht haben, weil sie mit Terroristen und korrupten Polizisten handeln. Selbst wer nur Träger in dieser Schattenwirtschaft werden will, muss sich an ungeschriebene Gesetze halten. Die Jobs sind wichtig, denn Geld gibt es im Lager offiziell nicht, und doch wird es überall gebraucht. Es ist ein chaotisches und doch hochorganisiertes System, mit dem sich Rawlences Helden irgendwie arrangieren – ebenso wie mit Epidemien, Überschwemmungen oder 45 Grad im Schatten. Was ihnen indes wirklich fehlt, ist eine Perspektive. Dabei könnte Kenias Regierung froh sein, dass der seit der Unabhängigkeit vernachlässigte Nordosten – von den meisten Kenianern abschätzig „Grenzdistrikt“ genannt – mit Dadaab endlich ein funktionierendes Zentrum bekommen hat. Wäre Dadaab eine Stadt, sie wäre größer als die meisten anderen im Land. Würde man die Bewohner wirtschaften lassen, die abgehängte Region könnte nur prosperieren. Doch das passiert nicht.

Jenseits der Grenzen sind die Flüchtlinge von Dadaab auch kein Thema. Sie gelten als versorgt, immerhin haben sie Dächer über dem Kopf. Doch ein wirkliches Leben haben sie nicht in Aussicht, wie Rawlence in seinem Buch betont. „Nach 25 Jahren brauchen die Leute eine Art Lösung für ihr Leben, eine Hoffnung auf Zukunft“, forderte der Journalist und Autor jüngst bei einem Vortrag in New York. „Aber Guled in meinem Buch etwa kann nicht zurück nach Somalia und auch nicht nach Kenia. Und es gibt keine Umsiedlungsprogramme ins Ausland mehr. Das ist die Crux unserer Flüchtlingspolitik: Früher war ein Flüchtlingslager eine Zwischenstation auf dem Weg ins Exil. Heute wollen die reichen Länder keine Flüchtlinge mehr, erst recht keine Muslime. Und deshalb werden die Flüchtlingslager immer größer und größer und größer.“ Dieses Flüchtlingssystem hat ausgedient, bilanziert Rawlence. Auch deshalb sieht Guled, den Rawlence seit dessen Ankunft in Dadaab vier Jahre lang begleitet hat, am Schluss nur noch einen Ausweg: Europa – trotz der Gefahren, der Kosten und der Angst. Europa symbolisiert für ihn die Hoffnung, die es in Dadaab nicht gibt.

Und so erzählt Rawlence ganz nebenbei auch die Geschichte der sogenannten Flüchtlingskrise des vergangenen Jahres durch die Augen der Flüchtenden. Es ist eine Entwicklung, die sich für den Leser wie von selbst ergibt. Wer, so fragt man sich, würde nicht alles riskieren, um Dadaab und den vielen ähnlichen Lagern überall auf der Welt den Rücken zu kehren?

Damit erinnert „Die Stadt der Verlorenen“ an die Menschen, die hinter der abstrakten Flüchtlings-„Welle“ stecken. Deren Schicksale beschreibt Rawlence lebendig, geduldig und ohne moralischen Zeigefinger. Auch deshalb ist ihm ein starkes Buch gelungen.

Ben Rawlence, Stadt der Verlorenen. Leben im größten Flüchtlingslager der Welt, übersetzt von Bettina Münch und Kathrin Razum, Hanser Verlag, 416 Seiten, 24,90 Euro

(aus: »Blätter« 6/2016, Seite 121-123)
Themen: Afrika, Krieg und Frieden und Vereinte Nationen

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