Das Elend der Anderen | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Das Elend der Anderen

von Yasemin Ergin

Mare Nostrum. Unser gemeinsames Meer. Diesen Namen gaben die Italiener im Oktober 2013 jener Marineoperation, die Flüchtlinge vor dem Ertrinken retten sollte. Er klingt umso zynischer, jetzt da besagte Rettungsaktion schon wieder Geschichte ist. Eingestellt nach nur einem Jahr aus politischen und finanziellen Gründen, während das Massensterben vor Europa unvermindert weitergeht. Das Mittelmeer als Ort der Schande, des Versagens und der Unmenschlichkeit.

Und doch, es bleibt unser aller Meer. Es symbolisiert nur ganz Unterschiedliches, je nachdem auf welcher Seite der Grenzen man steht, die sich immer fester und höher und unerbittlicher rund um die Festung Europa ziehen. Auf der einen Seite Touristen, die zum Vergnügen auf Luxusdampfern herumschippern. Auf der anderen Seite Menschen auf der Flucht, so verzweifelt, dass sie sich in der Hoffnung auf ein besseres Leben dem Meer schutzlos ausliefern. Urlaubsziel und Massengrab zugleich – das Mittelmeer als Brennpunkt globaler Ungerechtigkeit. In diesem Spannungsfeld bewegt sich die norddeutsche Autorin und Filmemacherin Merle Kröger in ihrem neuen Roman „Havarie“. Im Mittelpunkt steht die Begegnung zwischen einem Kreuzfahrtschiff und einem Flüchtlingsboot. Kurz vor der spanischen Küstenstadt Cartagena stoßen sie beinahe zusammen. Den algerischen Flüchtlingen ist der Sprit ausgegangen, sie hoffen auf Rettung, doch das Vergnügungsschiff dürfen sie nicht betreten. Die Konzernzentrale im fernen Miami untersagt der Besatzung die Aufnahme von Flüchtlingen. Das Seerecht aber verbietet es dem Schiff, einfach weiterzufahren. Also wird die Küstenwache alarmiert, und dann liegen sie da nebeneinander und warten, der Kreuzfahrtriese und das Schlauchboot. Den Flüchtlingen schwindet die Hoffnung. Die Touristen werden unruhig: Einige befürchten, die Menschen vom Boot könnten bewaffnet sein. Andere wollen so schnell wie möglich weiter nach Mallorca, dem nächsten Stopp auf der Reise, bevor dort die besten Sachen ausverkauft sind.

So symbolstark kommt dieses Szenario daher, man könnte es für konstruiert halten. Wenn die Nachrichten nicht voll wären von den Flüchtlingen, die auf dem Mittelmeer unterwegs sind, von den Hunderten, Tausenden Toten, die in ihm treiben. Von Seenotrettern, die täglich Leichen aus dem Meer fischen. Und auch von Seeleuten, die überfordert sind mit der Verantwortung, die aus der Begegnung mit Flüchtlingen immer öfter erwächst. Gerade waren wieder mehrere Hunderte auf einmal ertrunken, war die immer wieder verdrängte Flüchtlingskatastrophe erneut im Mittelpunkt der politischen und gesellschaftlichen Debatte angekommen, als Merle Krögers Roman erschien. Ein literarischer Kommentar zum Thema der Stunde, so könnte man meinen, geradezu perfektes Timing. Geplant hat sie das so natürlich nicht. Die Arbeit am Roman dauerte drei Jahre, er basiert auf einem realen Ereignis, auf das sie zufällig stieß, als sie sogenannte Harraga-Videos recherchierte: Clips von jungen Nordafrikanern, die ihre erfolgreichen Überfahrten nach Europa filmen und mit Musik unterlegt online stellen. Wahnsinnig populär seien diese Filme, sagt Merle Kröger, regelrechte Heldenvideos. Und als sie im Netz nach ihnen suchte, entdeckte sie diesen Clip, darin ein winziges Boot mitten auf dem Meer, aus einer merkwürdigen Perspektive von ganz weit oben gefilmt. Von einem Kreuzfahrttouristen, aufgenommen mit seiner Urlaubskamera. Soziale Kollision auf dem Mittelmeer.

Merle Kröger war fasziniert von dem Video und der Symbolkraft darin. Sie begann zu recherchieren, bereiste gemeinsam mit einem Filmteam Originalschauplätze, verbrachte viel Zeit auf einem Kreuzfahrtschiff, auf einem Frachter und einem Rettungskreuzer. Beobachtete die Abläufe auf den verschiedenen Schiffen, traf Menschen, die sie zu den Charakteren in ihrem Roman inspirierten. „Havarie“ fiktionalisiert die Geschichte jener schicksalhaften Begegnung auf dem Meer, erzählt sie aus der Perspektive von elf Menschen aus aller Welt, die aus unterschiedlichen Gründen auf vier verschiedenen Schiffen unterwegs sind.

Zum Beispiel Karim, Bootsführer aus Algerien, den der Traum von einem besseren Leben immer wieder aufs Meer treibt. Oder Lalita, eine aus Nepal stammende Sicherheitsoffizierin, und Jo, ein philippinischer Schiffsmusiker, beide ziemlich weit unten in der Hierarchie des Luxusdampfers. Als Jo unter mysteriösen Umständen verschwindet, kümmert das niemanden außer Lalita. Der Sicherheitschef, der um seine Karriere bangt, hat ganz andere Sorgen. Das Flüchtlingsboot etwa, das sein Schiff an der Weiterfahrt hindert, und der schwer kranke Syrer, der es illegal an Bord geschafft hat, und den er loswerden muss, ohne weitere Kosten zu verursachen. Dann ist da noch eine alte jüdische Dame, die einst aus ihrer Heimat fliehen musste und die zu den wenigen Passagieren gehört, die Mitgefühl für die Menschen in dem Schlauchboot haben. Auch ein Frachter streift die Handlung, mit ihm Seeleute aus Russland und der Ukraine, die durch den aktuellen Konflikt in ihrer Heimat entzweit werden. Und schließlich der Seenotkreuzer aus Spanien, mit dem jungen Fischer Diego, der freiwillig bei der Küstenwache dient und jeden Tag Tote aus dem Meer zieht. Alle sind sie geprägt von den Konflikten ihrer Zeit. Die Figuren sind scharf skizziert, der ständige Wechsel zwischen den verschiedenen Perspektiven und Fluchtgeschichten ist elegant konstruiert. Merle Kröger verweilt nicht beim Elend der Flüchtlinge, sie will kein Mitleid erzeugen, sondern „biographische Augenhöhe“, wie sie es nennt. Die Idee hinter den Figuren sei, dass jeder Mensch Brüche in seiner eigenen Geschichte trage, Spuren von Verfolgung, von Krieg, Flucht und Ausbeutung. „Nur, wenn wir uns dieser Spuren bewusst werden, können wir die heutige Situation richtig verstehen und mit anderen Augen sehen.“

Der Dokumentarfilm über die realen Ereignisse, auf denen der Roman basiert, ist gerade in Arbeit. Es ist nicht das erste Mal, dass Merle Kröger aus einer dokumentarischen Recherche heraus ein literarisches Werk spinnt. Ihrem Roman „Grenzfall“, mit dem sie 2013 den Deutschen Krimipreis gewann, liegt der Dokumentarfilm „Revision“ zugrunde. Gemeinsam mit Filmemacher Philipp Scheffner rekonstruierte sie darin die Geschichte zweier Roma, Wanderarbeiter aus Rumänien, die 1992 nahe der deutsch- polnischen Grenze erschossen wurden, unter Umständen, die nie ganz aufgeklärt wurden, weil der Tod der beiden illegalen Einwanderer niemanden so richtig interessierte.

Flucht und Migration, die Mauern rund um Europa. Das Elend der Anderen, das wir in Kauf nehmen, um unseren Wohlstand zu verteidigen. Es sind Themen, die Merle Kröger, 1967 in Plön geboren, seit Jahrzehnten beschäftigen. Schon in den 1990ern produzierte sie für Arte einen Themenabend mit dem Titel „Kein Mensch ist illegal“: Filme über Migranten ohne Papiere, die unsichtbar und stumm inmitten unserer Gesellschaft leben, ohne Rechte, ohne Schutz. Die Idee war, so sagt sie, Menschen, die in der Öffentlichkeit nicht sprechen konnten, ein Gesicht zu geben: „Das war damals undenkbar. Heute gibt es Flüchtlingsorganisationen, gibt es Flüchtlinge, die für sich selbst sprechen, die präsent sind, eine Stimme haben, die nicht mehr unsichtbar sind. Die muss man halt nur hören oder sehen wollen.“ Schriftsteller brauche man dafür nicht, jeder könne schließlich selber mit diesen Menschen reden. Was also kann Literatur zur aktuellen Debatte beitragen? Nähe schaffen, meint Merle Kröger, und gleichzeitig Distanz. Weg von den Nachrichtenbildern, die uns täglich überrollen und es dabei erschweren, die Menschen hinter den Zahlen zu erkennen: „Was nützt es uns, wenn wir Bilder sehen von 400 Menschen, von 500 Menschen, von 1000 Menschen, aber vergessen haben, dass jeder einzelne Mensch eine Zukunft und eine Vergangenheit hat, und einen Namen vor allem?“ Literatur dagegen kann erinnern, an bestimmte Momente in der eigenen Geschichte, in den Geschichten von Großeltern, von Freunden und Verwandten. Literatur kann Figuren miteinander ins Gespräch bringen, die sonst nur selten zueinander finden. In ihren Romanen wolle sie Biographien so setzen, dass sie miteinander ins Schwingen geraten, sagt Kröger, denn das sei oftmals die einzige Möglichkeit, Menschen eine Geschichte und eine Zukunft zu geben. In „Havarie“ meistert sie den Spagat zwischen Realität und Fiktion. Der Roman ist zeitlos und brandaktuell, kunstvoll und politisch zugleich. Wer ihn liest, schaut in Zukunft vielleicht genauer hin – und lässt auch die Menschen hinter den Nachrichtenbildern näher an sich heran.

Merle Kröger: Havarie, Argument Hamburg 2015, 240 Seiten, 15 Euro, 22,99 Euro.

(aus: »Blätter« 8/2015, Seite 121-123)
Themen: Migration, Afrika und Europa

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