Sozialarbeiter Broder | Blätter für deutsche und internationale Politik

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Sozialarbeiter Broder

von Daniel Leisegang

Wer hätte das geahnt: In Henryk M. Broder, Deutschlands bekanntestem Antisemitismus-Erschnüffler, steckt nach schmerzlicher Selbsterkenntnis nichts anderes als ein „kleiner Sozialarbeiter, der eine Seele retten will“. Und ausgerechnet Jakob Augstein sollte es sein, der diese Wandlung zum Wahren, Guten und Schönen herbeiführte.

Doch immer der Reihe nach: Noch im September letzten Jahres hatte Broder den Herausgeber der Wochenzeitung „der Freitag“ als „Salon-Antisemiten“ beschimpft. Als dieser sich davon gänzlich unbeeindruckt zeigte, legte der brodelnde Broder kräftig nach: Augstein sei „ein lupenreiner Antisemit, eine antisemitische Dreckschleuder [...], der kleine Streicher von nebenan.“

Doch selbst diese infame Provokation – Julius Streicher war während der Nazizeit immerhin Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes „Der Stürmer“ und wurde nach Ende des Krieges für seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt – beschwieg Jakob Augstein ungerührt.

Eben damit aber löste er den verblüffenden Gesinnungswandel aus. Denn in seiner Not wandte sich Broder nun direkt an das Objekt seines publizistischen Enthüllungsfurors – zum ersten Mal in den vierzig Jahren seines Wirkens, wie er selbst betonte. Sein „favorite anti-Semite“, buhlte Broder in der „Welt“ um Augsteins Aufmerksamkeit, sei „umfassend gebildet, hat gute Manieren, ein Herz für die Armen und Ausgebeuteten.“ Um Augstein am Ende sein, Broders reines Herz aufzuschließen: „Warum schreibe ich Ihnen das? [...] Kann sein, dass in mir ein kleiner Sozialarbeiter steckt, der eine Seele retten will – was für eine schreckliche Vorstellung! Vielleicht muss ich mir nur beweisen, dass ich es auch anders kann, als jemanden niederzumachen.“

Doch Jakob Augstein, harten Herzens, schlug auch diese, zur Sozialtherapie gereichte Hand aus. Und wer weiß, was der geläuterte Broder noch alles unternommen hätte, wäre ihm just in diesem Moment nicht das Simon-Wiesenthal-Zentrum zuvorgekommen und hätte Augsteins Artikel zu den zehn weltweit schlimmsten „antisemitischen/antiisraelischen Verunglimpfungen“ des vergangenen Jahres auserkoren.

Mit dieser Entscheidung jedoch war Jakob Augstein endgültig nicht mehr durch Broders Sozialtherapie zu retten – und mit Schweigen allein es nicht länger getan: Seit diesem Tag muss der Publizist auf Teufel komm raus seine mehr als verunglückten Äußerungen zu Israel und Günter Grass verteidigen. Weitaus schlimmer indes hat es den armen Broder getroffen: Denn um wessen Seele soll er sich nun kümmern?

Zumindest hier ist Rettung in Sicht. Denn der allseits geachtete Rapper Bushido – noch 2011 mit Burdas Bambi als „hervorragendes Beispiel für gelungene Integration“ ausgezeichnet – ist ein ganz anderes Kaliber als der arme Augstein und offenbar ganz dringend therapiebedürftig: In seinem Twitter-Profil hat er Israel auf einer Karte des Nahen Ostens zumindest virtuell schon einmal ausradiert. Ganz offensichtlich will sich der bekennende Schwulen- und Frauenhasser nun auch noch die Juden vorknöpfen.

Wohlan, Herr Broder, übernehmen Sie und retten Sie dies verlorene Seelchen! Bushido wird Ihnen gewiss viel Freude bereiten. Schließlich kennt er sich mit denunziatorischen Attacken mindestens ebenso gut aus wie Sie. Und bei einer Prügelei in dieser Preisklasse kann es am Ende nur Gewinner geben – wenn nämlich beide ordentlich was auf die Mütze kriegen!

(aus: »Blätter« 2/2013, Seite 80-80)
Themen: Antisemitismus und Medien

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